(Gifts) Vergänglich wie ein schöner Augenblick

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Published in: Süddeutsche Zeitung


 

Sie sollen nur eine kleine Aufmerksamkeit sein – Einige Anmerkungen zur Macht von Geschenken

„Das rätst du nie!“ Stimmt. Denn das Geschenk ist verpackt – schön verpackt. Vor allem in Japan, aber immer mehr auch bei uns ist die Verpackungeines Geschenks von großer Wichtigkeit. Sie ist eher eine Verhüllung. Im Unterschied zum Kauf, wo jeder sehen kann, was er haben will, bekommt der Beschenkte etwas, dessen Begutachtung ihm eine Weile vorenthalten wird. Neugierig befühlt er es, wiegt es in der Hand und versucht zu erraten, was es ist. Die Verhüllungund das Auspacken erhöhen die Spannung. Der Akt des Schenkens wird verlängert. Die schönen Dinge soll man langsam tun. Das ist – wie in der Liebe – sehr kultiviert. Das Gute wird durch seine schöne Verhüllung, eine Spielart der Koketterie, begehrenswerter. Die Enthüllung, das Lösen der Bänder und Schleifen und das zarte und langsame Auspacken, ist der erotischen Praktik des Entkleidens ähnlich. (Das Zerreißen des Geschenkpapiers entspricht einer anderen Praktik des Begehrens.) Die schöne Verpackung ist eine zusätzliche Geste, die das Schenken überhöht und in gewisser Weise kommentiert. So kann man den materiellen Wert des Geschenks ideell verbrämen; wird ein kleines Geschenk durch Anmut und Witz veredelt, ein großes durch bescheidene Verpackungang emessen – nach Art des britischen Understatement. Die Verpackungist auf das Überraschen aus, die liebevolle Überwältigung, eine Machtausübung, die der Schenkende genießt. Vorausgesetzt, man hat das Schenken noch nicht satt.

Größe zeigen
„Wir schenken uns nichts mehr. Erst der Stress, dann die Umtauscherei!“ So hört man es heutzutage zu Weihnachten. Die Sitte des Schenkens aufzugeben liegt im Trend. Die geforderte Mobilität und das mit einem exzessiven Individualismus entstandene Bedürfnis, in keiner Hinsicht mehr von anderen abhängig zu sein, zerstören die traditionellen Formen der Verbundenheit. Menschen miteinander zu verbinden aber ist in der Kultur des Schenkens das Hauptmotiv. In allen Kulturen ist das Schenken eine hoch bedeutsame und folgenreiche soziale Handlung. Beim indianischen Potlatsch, einem System scheinbar freiwilliger, tatsächlich aber obligatorischer Leistungen und Gegenleistungen, hatte das Schenken sogar eine fundamentale gesellschaftskonstitutive Funktion. Auf diese Weise entstanden da, wo man keine Schrift kannte, vertragsartige Verpflichtungen und „über viele Inseln ein Geflecht der Verbundenheit“, heißt es bei dem französischen Soziologen Marcel Mauss („Die Gabe“, 1925). Verträge in Form von Geschenken wurden auch mit den Geistern der Toten und den Göttern geschlossen, berichtet Claude Lévi- Strauss in „Traurige Tropen“ (1955). Bei Opfergaben wird erwartet, dass die Götter die Gabe erwidern, zum Beispiel mit einer guten Ernte. In der christlichabendländischen Tradition erfüllt das
Gelübde ganz ähnliche Aufgaben. Der Gebende ist bestrebt, schreibt Mauss, „Freigebigkeit, Ungebundenheit, Autonomie und zugleich Größe zu zeigen“. „Das kann ich doch nicht annehmen“, sträubt sich mitunter der Beschenkte. Denn auch in den heutigen europäischen Verhältnissenwerden Geschenke keineswegs altruistisch gegeben, sondern als Herausforderungan den Empfänger, sich für das Gute zu revanchieren – sei es durch eine Gegengabe, sei es durch Wohlverhalten. „Du bist undankbar!“ ist ein schwerer Vorwurf. Die stärkste Verpflichtungentsteht, wenn der Beschenkte weiß, dass der Gebende sich das Geschenk „vom Herzen reißt“, das heißt, etwas hergibt, an dem er „hängt“. Ein wertvolles Geschenk darf – anders als bei den zirkulierenden Kostbarkeiten der Indios – in unserer Kultur nicht weitergeschenkt (oder gar zu Geld gemacht) werden. Nur in Ausnahmefällen ist Weiterschenken erlaubt – zum Beispiel einen Ringder verstorbenen Mutter an die Verlobte – und wird dann zum hoch symbolischen, doppelt bindenden Akt. Dank in Worten wird oft als Anzahlungauf die noch zu liefernde Gegengabe gewertet. Wer ein Geschenk annimmt, hat sich zur Gegengabe verpflichtet. Das Ablehnen eines Geschenks gilt in allen Kulturen als Affront; ein verpacktes Geschenk abzulehnen, ist unmöglich.
Obwohl es nicht um messbare Werte geht, ist das Verhältnis zwischen Geber und Nehmer das von Gläubiger und Schuldner. Das archaische System des indianischen Potlatsch begründet und festigt eine Hierarchie. Maurice Godelier („Das Rätsel der Gabe“, 1996) bemerkt dazu, dass „Menschen, welche mehr geben, als man ihnen gegeben hat, oder soviel geben, dass man es ihnen nie wird wiedergeben können, sich über die anderen Menschen erheben“. Das Geben stelle eine doppelte Beziehungher: Solidarität und Superiorität. Das gilt auch für heute, vorausgesetzt, der soziale Status der Partner ist nicht schon anfangs ungleich wie in der Beziehungzwischen Eltern und Kindern.
Schenken macht den anderen abhängig und ist – vielleicht nicht der Absicht nach, doch in der Wirkung– eine subtile Form der Herrschaftsausübung. Der Schenkende gewinnt an Größe und Achtung, wenn sein Geschenk gefällt. Nicht ohne Grund machen Männer den Frauen oft möglichst große und präsentable Geschenke. Der Zweck der Selbsterhöhung ist vollständigerreicht, wenn die Beschenkte den Ringmit dem Hinweis herumzeigt: „Und der ist von ihm!“ So wird auch das Bemühen, Geschenke abzuwehren, verständlich. Der Doppelsinn des Wortes „Gift“ im Sinne von Gabe (englisch: gift, deutsch: Mitgift) erinnert an das möglicherweise Verderben Bringende eines Geschenks. Berühmt dafür ist das Trojanische Pferd.
„Es kommt von Herzen!“ Geschenke werden immer nach ihrem qualitativen Wert eingeschätzt, nach der Mühe zum Beispiel, die sich jemand gibt, um sich in den anderen hineinzuversetzen, oder die darin liegt, das Geschenk zu beschaffen. Weitere Kriterien sind Seltenheit und Besonderheit. Auch der Geldwert ist ein entscheidender Maßstab. Daher kann sich aus dem Handel von Gabe und Gegengabe leicht ein Geschäft entwickeln. Ursprünglich symbolisiert das Schenken Friedfertigkeit, Verbundenheit und Versöhnung. Geschenke haben eine Bedeutungunabhäng ig von ihrer Brauchbarkeit.
Um diesen Unterschied unmissverständlich zu machen, schenkt man sich Dinge, die keinen Nutzwert haben. So sehr das Geschenk verpflichtet, so gilt es zugleich als Wertschätzung des Beschenkten. Der Beschenkte wird in eine ambivalente Situation gebracht: Er gerät in Abhängigkeit, aber durch Wertschätzung. Ein wenig erinnert diese Bindung an die der Liebe.
Voraussetzungg laubhafter Wertschätzung ist „Freiwilligkeit, Ungebundenheit und Autonomie“, wie sie Mauss konstatierte. Denn nur Ungezwungenheit macht plausibel, dass ein Geschenk von Herzen kommt. Freilich besteht diese Ungezwungenheit bei der Gegengabe nicht mehr so wie zu Anfang, und nicht auf beiden Seiten gleich. Ungezwungen ist der Gebende, der Nehmende dagegen gerät in Abhängigkeit. So bekommt auch das Verhältnis zwischen Wertschätzungund Verpflichtungeinen besonderen Akzent. Nicht der Liebe, sondern der Aggression. Im Ausdruck „Revanchieren“ für das Gegengeschenk, der ja auch Vergeltung und Rache meint, ist der aggressive Zug unverkennbar. Verdeckt wird er durch den Anschein des Altruismus – und der Angriff wird fast unwiderstehlich. Revanche und Dank Das Geschenk soll Gunst erringen und nimmt in den Fällen, wo es sittenwidrig ist, den Charakter der Bestechungan. Eine korrumpierende Tendenz hat es immer. Die Freiwilligkeit unterscheidet das Geschenk vom Tribut, der im alten China verschleiernd „Geschenke“ genannt wurde.
„Das soll fürmich sein? Was soll ich dazu sagen!“, windet sich manchmal der Beschenkte. Kultiviert ist es darum, nur angemessene Geschenke zu machen, die nicht in Verlegenheit bringen. Es muss im Prinzip möglich bleiben, sich nur mit Worten zu bedanken. Denn der Dank muss als ideelles Äquivalent genügen können. Die Kunst des Schenkens besteht darin, alle Implikationen des sozialen Aktes zu balancieren.
Um durch ein Geschenk wieder quitt zu werden und sozusagen bilanziert auseinander zu gehen, versuchen heute viele, sich ausdrücklich nach Maßgabe des Geldwerts zu revanchieren. Man vergisst dabei, dass das Schenken eine Geste ist. Mag die Gegenseitigkeit auch den Charakter eines Handels haben, so ist Schenken doch kein Geschäft. Das Gegengeschenk ist nicht rechtsverbindlich und kann nicht eingeklagt werden. Zwar rechnet man zu Weihnachten und Geburtstagen mit Geschenken, doch nur weil es Brauch ist.
„Das ist nur eine kleine Aufmerksamkeit.“ Um den Verpflichtungen und der heiklen Quantifizierungdes Schenkens zu entgehen, musste das Bedürfnis nach einer Art des Schenkens entstehen, das nicht aufrechenbar ist, das Bedürfnis nach der reinen Geste. Ohne Aufrechenbarkeit wertvoll kann diese Geste nur sein, wenn sie schön ist. Ideelle Kostbarkeit eines schönen Gegenstandes wird in unsere Kultur entweder nach der Dauerhaftigkeit oder nach der Vergänglichkeit beurteilt.
Nicht „für die Ewigkeit“ wie der teure Brillant, sondern vergänglich wie der schöne Augenblick muss das kostbare Geschenk sein, soll es an Penetranz verlieren. Schön und vergänglich sind Blumen. Sie sind bald verwelkt, und nichts erinnert dann mehr daran, dass man dem Gast etwas schuldigwäre. Blumen waren und sind fast unübertrefflich kultivierte Gastgeschenke. Auch bei den Esspaketen im alten China und den Geschenkkörben von heute liegt die Kostbarkeit in der Vergänglichkeit. Allerdings sind der Duft der Blumen wie der Geschmack der Speisen im wortwörtlichen Sinne penetrant, insofern sie in den Körper des Beschenkten eindringen, um ihn – wie einst die Brandopfer – von der Güte der Gabe von innen unwiderstehlich zu überzeugen.
„Die haben ja schon alles!“ Diesen Satz hört man von denen, die sich den Kopf nach einem Geschenk zerbrechen. Als Mangel herrschte, schenkte man einander gezielt die fehlenden Haushaltsartikel. Dabei zählt nicht nur, dass man den Gegenstand braucht, sondern auch, dass der Schenkende dessen Fehlen bemerkt hat. Dabei geht es also auch um den Beweis der Aufmerksamkeit und damit der Wertschätzungdes Beschenkten. Da in unserer Wohlstandsgesellschaft die meisten Menschen die lebensnotwendigen Utensilien besitzen, ist eine Industrie für Geschenkartikel entstanden, das heißt von Gegenständen, die eher einen ideellen Nutzen haben. Die rasende Entwicklungdes Designs fußt eben auf der Tatsache, dass die meisten alles haben. So geht es nicht mehr um das „was“, sondern um das „wie“. Gebrauchsartikel aller Art werden der Mode unterworfen und damit einem Alterungsprozess, der es geraten sein lässt, sich dasselbe neu oder anders anzuschaffen, um up to date zu sein. Geschenkartikel müssen niedlich, komisch oder wenigstens in dem Sinne originell sein, dass sie dasAllerneueste sind. DieVerbundenheit, die ja jedes Geschenk herstellen soll, wird im Idealfall durch das Befingern, das Lachen und das Staunen erreicht. Ein Geschenk, das die Aufmerksamkeit einer ganzen Geburtstagsgesellschaft erlangt, stellt jene heitere Gemeinsamkeit her, die sich jeder Gastgeber wünscht.

Die reine Geste
Geschenke, die für den Zweck des Schenkens hergestellt werden, haben einen öffentlichen Charakter. Sie sind darauf angelegt, herumgereicht zu werden. Sie rechnen mit Publikum. Der Geschenkartikel nimmt dem Schenkenden die riskante Entscheidungab, irgendein Dingdurch selbstverantwortliche Auswahl zum Geschenk zu erklären. Wer einen Geschenkartikel überreicht, hat auf die Anstrengung verzichtet, sich in die Vorlieben des Beschenkten hineinzuversetzen. So ist das Geschenk nicht intim. Denn über das, was niedlich oder komisch ist, denken die meisten Menschen recht ähnlich. Geschenkartikel sind insofern distanzierte Gaben, für die es keine großen Umarmungen und Küsse gibt. Ihr Vorteil besteht darin, dass sie nicht verpflichten, denn weder sind sie wertvoll, weil der Schenkende sich besondere Mühe gibt, noch weil sie teuer sind. Mit der Ablösungvom Nutz- und Geldwert und in Vermeidungder persönlichen Note schwindet das Verpflichtende des Schenkens. Der Geschenkartikel macht aus dem Schenken eine reine, leichte und nicht-intime Geste. Die Verbundenheit, die das präfabrizierte Geschenk stiftet, ist herrschaftsfrei, locker und vorübergehend. Sie dauert vielleicht nur so langwie die Party. Eine Institution ist der Austausch von Geschenken damit nicht mehr. Das passt in die Zeit.