Love in the age of mobility

Casanova's up-to-dateness

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Liebe in den Zeiten der Mobilität
Zur Aktualität Casanovas

Eine Begleiterscheinung der Globalisierung ist die zunehmende Mobilität von Menschen bestimmter Berufsgruppen und auch von Menschen, die keine Berufe im herkömmlichen Sinn haben. Es liegt auf der Hand, dass dies auch deren Privatleben beeinflussen muss. Die Liebesbeziehungen sind bei fortwährendem Ortswechsel kurzfristig. Diese Kurzfristigkeit hat ihre letzte Ursache in der Kurzfristigkeit der kapitalistischen Planung. Wie Sie wissen, erstellen die börsennotierten Konzerne jedes Vierteljahr ihre sog. Quartalsberichte – und die anderen Firmen richten sich danach. Letztendlich hängt die Kurzfristigkeit von der Geschwindigkeit des Warenumschlags ab, die über Extraprofite entscheidet. Geschwindigkeit ist ein Hauptphänomen der kapitalistischen Produktionsweise – denken Sie nur an das just-in-time.Prinzip, das die Lagerhaltung auf die Straße verlegt, damit die Zwischenprodukte jederzeit verfügbar sind.
Casanova berichtet in seinen Lebenserinnerungen vom Leben eines durch Europa vagabundierenden Abenteurers. Wenn auch die Mobilität im 18. Jahrhundert, im agrarischen Feudalismus, ganz andere Ursachen und Gründe hatte als heute, so waren auch damals die Liebesbeziehungen mobiler Menschen durch Kurzfristigkeit charakterisiert. Und da Casanova dies beschrieben hat, erscheint mir der Gedanke nicht abwegig, seine Erfahrungen auf ihre Brauch­barkeit für heute zu untersuchen. Dieser Rückgriff auf Casanova macht natürlich nur Sinn, wenn man das, was er in seinen Lebenserinnerungen berichtet, ernst nehmen kann, d.h. wenn es wahr ist.
Die Historiker sind sich inzwischen darin einig, dass Casanovas Lebenserinne­rungen, die erst ein Vierteljahrhundert nach seinem Tode im romantischen Biedermeier in französischer Sprache – der Weltsprache der Zeit – erschienen und sofort großen Skandal machten, auf authentischen Erlebnissen beruhen und insofern wahr sind. Die freimütigen Bekenntnisse eines Rokokomenschen, eines Weltmannes des feudalistischen Ancien Regime, in welchem verheiratete Frauen große Freiheiten genossen und Eifersucht lächerlich war, widersprachen allen Vorstellungen des sich etablierenden Bürgertums. Als die romantischen Biedermänner des frühen 19. Jahrhunderts, die idyllische Häuslichkeit, Treue und Innerlichkeit zu den höchsten Werten erhoben hatten, Casanovas Amouren nachzuzählen begannen, waren sie so schockiert, dass sie seine Memoiren für einen Roman hielten und ihn dem französischen Schriftsteller Stendhal in die Schuhe schoben. So viele Frauen! So viele Frauen! Das kann doch, das darf doch nicht sein! Dieses Interesse an der Quantität belegt, wie eingeschnürt sich die bürgerlichen Männer fühlten, die in der ehelichen Liebe Genüge zu finden suchten und für die Sexualität das Dienstmädchen gefügig machten. Heutzutage, wo jeder Skilehrer und jeder Bademeister mit Casanova in der Anzahl der Frauenbekanntschaften konkurrieren könnte, interessiert die Quantität eher am Rande. Tatsächlich hatte Casanova seine Lebenserinnerungen als tagebuchartig offene Autobiographie angelegt, um sich in Dux, dem heutigen Duchcov im böhmischen Tschechien, wo er auf dem Schloss des reichen Grafen Waldstein als Bibliothekar seinen Lebensabend fristete, etwas weniger zu langweilen. Der Text ist aufrichtig bis zum Exhibitionismus. Sollte er sich selbst belügen? Der alte Casanova ließ sich sein Leben sozusagen noch einmal auf der Zunge zergehen. Seinem Freund, dem Fürsten de Ligne, einem ehemaligen Österreichi­schen Feldherrn aus höchstem europäischem Adel, einem weitgereisten Lebe­ mann und Schriftsteller wie er selbst, las er das Manuskript im nahen Teplice vor, wo der Fürst jeden Sommer im Schloss seiner Lieblingstochter weilte. De Ligne war entzückt über die ungekünstelte Aufrichtigkeit des Textes und riet Casanova zur Veröffentlichung.
Um die Wahrheit verdient gemacht haben sich die sogenannten Casanovisten: das sind meist von Forschungseifer getriebene Laien, die es sich zur Aufgabe machen, die historisch zweifelhaften Orts- und Zeitangaben der Memoiren zu verifizieren, indem sie in den alten Archiven vor Ort recherchieren. Sie konnten in den meisten Fällen gegenüber den skeptischen Historikern erweisen, dass Casanova tatsächlich zu einem bestimmten Datum in einer bestimmten Herberge eine bestimmte hochgestellte Persönlichkeit getroffen haben könnte. Nur selten verwechselt Casanova ein Datum. Sein Gedächtnis war enorm und übrigens trug er immer einen Koffer mit Notizen mit sich.
Zwar sofort auf den Index gesetzt, sind die berüchtigten Lebenserinnerungen doch an keiner Stelle pornografisch. Auch sogenannte Perversitäten interessierten Casanova nicht. Und nachgezählt hat er seine vielen Amouren schon gar nicht - wie Leporello, Don Juans Diener, der über die Anzahl der Frauen, Buch führen muss, die sein Herr, der fiktive Schuft, erniedrigt und misshandelt hat. Auch die vielen Schreiber, die aus Casanovas Lebenserinne­rungen die Amouren herausgeklaubt und – oft in schwülstigen Übersetzungen – zu Kompendien für ältere Herrn zusammengestellt haben, vergessen heute nicht mehr, Casanova von Don Juan zu unterscheiden. Der Unterschied ist einfach: Don Juan verachtete die Frauen, er beredete sie, belog sie und nahm sie, um sie zu demütigen. Casanova dagegen liebte die Frauen, er betrachtete sie als die andere Ausprägung des Menschen, er wollte wissen, wie sie denken, er war neugierig, er fragte und hörte zu. Don Juan ist eine Kunstfigur. Casanova hat gelebt – vom 2.4.1725 bis 4.6.1798.
Meine Damen und Herren, vor 10 Jahren habe ich eine Auswahl aus Casanovas Lebenserinnerungen herausgegeben und mit einem Nachwort versehen, das ich heute noch lesen kann. Mir war aufgefallen, dass auch die größten Schriftsteller wie etwa Stephan Zweig sich ganz besonders für die Erotika interessierten (weniger z.B. für Casanova als Zeitzeugen, der in dieser Hinsicht von den Historikern als besonders zuverlässig geschätzt wird, da er die ganze Sozial­struktur von der Landstraße, den Bordells und dem Gefängnis bis zu den Pariser Salons und den Höfen der Majestäten aus eigenem Erleben kannte) und dass diese Schriftsteller davon ausgingen, Casanova sei durch die Welt gereist, weil er so gierig nach Frauen war. Stefan Zweig, der Casanova durchaus auch Bewunderung zollt, nennt ihn: heißer Triebmensch, leere Seifenblase, erotischer Spielmensch, Mannstier, göttlicher Frechling, Frauenvielfraß, Mannshengst, Hans Dampf, Stier, phallischer Triumphator, passionierter Genussmensch und mit der Herablassung des Geistesmenschen gegenüber dem Praktiker und Lebenskünstler "unser guter Giacomo ". Und ob der Anzahl der Geliebten schreibt sich der große Schriftsteller, der ,wie er zugibt,"Casanovas Memoiren (nicht) ohne rabiaten Neid gelesen hat", in einen wahren Zorn: "So bleibt von den unzähligen Henrietten, Irenen, Babetten, Mariuccias, Ermelinen, Markolinen, Ignazias, Lucias, Esthers, Saras, und Klaras nicht viel anderes zurück als einfleischfarbener Gelee warmer, wollüstiger Frauenkörper" (400) Aber wie geschmacklos ist das! Die Gier nach rosa Frauenfleisch soll den Vielfraß also durch die Welt getrieben haben. Falsch! Umgekehrt war es: Casanova gehörte zu jener Sorte von Abenteurern, die sich aus vielerlei Gründen in der ganzen Welt herumtrieben, aber auf die Liebe der Frauen nicht verzichten wollten.

Mobilität ist die Freiheit der Freiheiten. Der englische Philosoph Thomas Hobbes sagte, die größere Gefängniszelle erlaube dem Gefangenen mehr Freiheit als die kleinere. Er sah Freiheit als Bewegungsfreiheit an, die – wie wir seit dem Zusammenbruch der DDR endgültig wissen – die wichtigste der Freiheiten ist, erst dann rangiert die Meinungsfreiheit. Was dem Westernhelden sein Pferd, ist dem heutigen Mann sein Auto, dessen Zauber im Wesentlichen darin besteht, dass es ein überzeugendes Symbol der Bewegungsfreiheit ist. Der sog. Offroader, also ein Geländewagen, mit dem man, wie der Name sagt, das Verkehrssystem mit all seinen sozialen Regeln verlassen kann, um – anstatt nach Vorschriften – querfeldein zu fahren, ist ein plausibles Freiheitssymbol unserer Tage.

Das Europa des 18. Jahrhunderts und besonders Deutschland war kleinteilig strukturiert. Wenn Goethe von Frankfurt nach Weimar fuhr, hatte er Grenzen zu überschreiten, Pässe und Visa vorzuweisen. In jener Zeit reiste Casanova, der, wie man vermutet, ein illegitimer Spross des venezianischen Nobile Michele Grimani war und Doktor beider Rechte, mit Empfehlungsschreiben versehen, durch ganz Europa, bis Madrid und London im Westen, Konstantinopel und Moskau im Osten- als Spieler, Vermittler, Geschäfte- und Projektemacher, Alchimist, Wunderheiler und Agent in geheimen Missionen, kurz als Abenteurer, gebildet, bedenkenlos, findig und wendig genug, um alle möglichen Tätigkeiten auszuüben, die ihn nicht an einen Ort fesselten.
Von Freiheit, so möchte ich behaupten, verstand er mehr als jeder andere – wie sein sensationeller Ausbruch aus der Zelle unter den Bleidächern des venezianischen Dogenpalasts beweist. Dass er diesen unglaublichen, für Venedig höchst blamablen Streich weit vor den "Lebenserinnerungen" als eigenes Buch veröffentlicht hat, belegt, wie wichtig ihm diese Demonstration seines Freiheits­willens war. Niemand vor ihm, niemand nach ihm ist es je gelungen, dem Hochsicherheitsgefängnis für Staatsgefangene zu entkommen – ein Gefängnis mit hasengroßen Ratten. Den atemberaubenden Bericht seiner Flucht, die ihn berühmt machte, gibt es auch heute als Buch.
Nur wenn wir von Casanovas hochentwickeltem Bewusstsein für Freiheit ausgehen, das soweit ging, sich sogar von den eigenen Vorsätzen zu befreien, – er entschloss sich manchmal, das Gegenteil von dem zu machen, was er vorhatte – wird verständlich, was ihm Liebe bedeutete. Er hätte viele gute Partien machen können, doch hat er die Angebote, die ihm von Damen der guten Gesellschaft gemacht worden waren, schlussendlich immer ausgeschlagen. "Ich habe die Frauen rasend geliebt, aber ich habe ihnen stets die Freiheit vorgezogen", schreibt er. Die Bindung durch eine Ehe hätte er, wie er offen bekennt, nicht ausgehalten. Er hätte sesshaft werden müssen. Daraus folgt, dass Liebe für ihn nur ein zeitlich begrenztes Projekt sein konnte. Das heißt, dass ihm all die Erfahrungen fehlten, die man nur in einer langen, erprobten und erlittenen Zweisamkeit machen kann. Langfristige Liebe kann den Anspruch verfolgen, den Partner als ganzen zu erfahren, kurzfristige Liebe beschränkt sich darauf, den anderen nur partiell zu kennen. Casanovas Liebesbeziehungen waren darum nicht tief, sondern oberflächlich, aber auf Grund der begrenzten Zeit -jeder Partner wusste, dass es bald vorbei sein würde – in jeder Hinsicht sehr intensiv. Wir wissen, dass Verliebtheit und Liebe nicht dasselbe sind. Was Casanova suchte, war Verliebtheit, dieses rauschartige Gefühl, das – gemessen am übrigen Leben – eine Verrücktheit ist, die zu den waghalsigsten Taten verführt. Die immer wieder neu erlebte Verliebtheit hatte für ihn die Funktion einer Droge. Modem gesagt: er war dauernd high. Der Neuanfang war, was ihn reizte.
Darum legte Casanova großen Wert auf die Inszenierung seines ersten Auftritts in einer Stadt, in der man ihn noch nicht kannte – meist im Theater, wo er sicher sein konnte, Landsleute zu treffen – italienische Schauspieler. Mit fast 1.90 m Größe, die Friedrich den Großen dazu veranlasste, ihn einen "schönen Mann" zu nennen, nachdem er Casanovas Projekt einer Lotterie aus moralischen Gründen abgelehnt hatte, mit seiner athletischen Figur, mit Brokat, Seide und Spitzen nach neuester Mode gekleidet, mit Ringen und einem Diamant geschmückten Orden des Papstes verziert, der mit dem Recht verbunden war, den niedrigsten Adelstitel "Chevalier" zu führen, war Casanova das, was man eine ,,imposante Erscheinung" nennt. Er sprach mit volltönender Stimme echt Pariser Franzö­sisch, wie er es dort bei Hofe gelernt hatte – wo er einmal für den Harem König Louis V. ein blutjunges Mädchen aus der Gosse gezogen und eigenhändig gewaschen hatte (Fragonard hat die O'Morphi gemalt). Sein Auftritt war der eines reichen, hochgestellten Weltmannes. Die Frauen war-en- besonders in der von Nachrichten abgeschiedenen, langweiligen Provinz – beeindruckt und riskierten ein Rendezvous im Wissen – ganz wie die jungen Bäuerinnen es mit den fahrenden Musikanten hielten – dass diese kometenartige Erscheinung bald weiterziehen würde.

Es versteht sich, dass Casanova sein Freiheitsbedürfnis auch in der Liebe auslebt, d.h. er bricht alle Tabus, Tabus, die zum großen Teil heutzutage nicht mehr bestehen. Natürlich hat er alle Sexpraktiken ausgeübt, aber sich doch jeder Perversität, etwa sado-masochistischer Praktiken enthalten, da er zu Gewalt ein Verhältnis hatte, das ihn über die meisten Männer weit heraushebt: er verachtete Militär, Jagd und Stierkampf ausdrücklich, all das also, was Machos immer besonders interessiert und im 18. Jahrhundert unbedingte Vorlieben eines echten Mannes waren. Insofern kann man sagen: Obwohl Casanovas Degen notfalls schnell war wie seine Zunge, er war kein richtiger Mann. Anal- und Oral­ verkehr sind ja keine Perversitäten im eigentlichen Sinn und ebenso wenig die wechselseitige Masturbation, (amerikanisch : petting), sondern ursprünglich Verhütungspraktiken. Die Schande, die für ein Mädchen mit einer außerehe­lichen Schwangerschaft verbunden war, ließ sich nur mit solchen- übrigens uralten Sexpraktiken vermeiden. Von der steten Lebensgefahr, im Kindbett zu sterben, abgesehen. Gegen diese Gefahren muss man die erwähnten Sexualprak­tiken abwägen, wenn man über Perversitäten urteilt. Casanova hat die sogenann­ten Capots Anglaise – die englischen Hütchen, wie die ersten Kondome hießen – verwendet und bei einem Aufenthalt in der Schweiz zwei jungen Mädchen als Beispiel der Aufgeklärtheit vorgeführt. Wenn er oft bemerkt, er habe ein Mädchen geschont, dann heißt das, er penetrierte die Frauen nicht in naturwüch­siger Manier, sondern hielt sich – liebeserfahren wie er war – zurück oder befriedigte seine Freundinnen clitoral. Glaubhaft versichert er, dass 4/5 seines Genusses in der Freude seiner Geliebten bestand. Allein dies – dass er physiolo­gisch so gebildet war- er hatte eigentlich Arzt werden wollen-, dass er die Möglichkeit clitoraler Befriedigung überhaupt kannte – eine Kenntnis, die bei Männern wohl sehr selten gewesen ist, und dass er die Liebe nicht genießen konnte, wenn nicht auch die Frauen ihre Freude dabei hatten – was Männern jenen Zeiten, aber erst recht im bürgerlichen 19. Jahrhundert ganz gewiss ziemlich egal war – macht Casanova zu einem außerordentlichen Liebhaber. Die in jenen Zeiten übermächtige katholische Kirche ist am Nachwuchs junger Christen interessiert, und verdammt folglich bis heute all das, was erfahrene Liebhaber an Verhütung praktizieren.

Was waren das nun für Frauen, die sich mit dem Abenteurer einließen?

Oft waren es die Gattinen und Töchter seiner Gastgeber, bei denen er auf Reisen logierte, Gelehrte und hochgestellte Persönlichkeiten, die er besuchte, um ihnen Nachrichten zu überbringen, Gespräche zu führen oder Geschäfte anzubahnen. Als weitgereister, kenntnisreicher Mann, der immer Neuigkeiten mitbrachte – man bedenke die begrenzte Kommunikation jener Zeit –, war Casanova überall ein hochwillkommener Gast.
Oft traf er adlige Frauen in den Herbergen, Frauen die aus diesen oder jenen Gründen reisten, zum Schutz oft als Männer verkleidet, nur von einer Zofe begleitet. Sie waren von seiner Bildung und Weltläufigkeit beeindruckt – er hatte alle Persönlichkeiten von Voltaire bis zu Katherina der Großen besucht und kannte alle Bücher der Zeit, hatte ein enzyklopädisches Wissen, ein unglaublich gutes Gedächtnis und zitierte aus dem Stehgreif. An der Table D'hote, wo die Gäste gemeinsam speisten, hatte Casanova Gelegenheit zu brillieren. Diese – oft gebildeten – Damen verstrickte er in Diskussionen und versuchte ihnen zu beweisen – es ist das Zeitalter der Aufklärung – dass ihm ein Stelldichein zu geben, nur eine Sache der Vernunft sei. Die Frau des
Bürgermeisters von Köln z.B. gewann er durch die Unverschämtheit, mit der er sich – uneingeladen – an der Tafel des Österreichischen Statthalters platzierte, der ihr Geliebter war und ein Wüterich. Tatsächlich setzte er für die Frau sein Leben aufs Spiel und gewann sie durch diese Kühnheit.

Kleinbürgerliche Frauen lernte er in den Pariser Luxusläden kennen, in denen er einkaufte. Da die Ladenbesitzer oft verschuldet waren, half er ihnen aus, und ihre Frauen, die ihm die Luxuswaren in seine Villa brachten, schmolzen dahin, wenn er sie wie Prinzessinnen bedienen ließ. In Paris hatte er es zum Einnehmer der königlichen Lotterie gebracht, die er zusammen mit einem italienischen Mathematiker erfunden und organisiert hatte. Er war reich, ein Millionär, fuhr mit Equipage und Lakeien und gab rauschende Feste. Es machte ihm nichts aus, wenn er von seinen Geliebten ausgenutzt wurde. Da Casanova, wenn er in einer Stadt ankam, immer zuerst das Theater besuchte, weil sich im Theater täglich alles traf, was Rang und Namen hatte, waren viele seiner Geliebten Schau­spielerinnen und Sängerinnen, die von Berufs wegen für Komplimente und den neuesten Klatsch empfänglich sind. Sie waren für jeden Spaß zu haben. Oft holte er sich dort eine Geschlechtskrankheit, die er nur durch striktes Fasten wieder ausheilte. Die Mädchen aus dem Volk traf er auf ihren Botengängen, auf dem Markt und in der Kirche, wo das Kokettieren hinter dem Fächer eine Kunst war. Diese einfachen Mädchen waren ehrbar, der erhoffte Ehestand war an Mitgift und Jungfräulichkeit gebunden. Manchmal gab Casanova der ganzen Familie Arbeit, ehe es ihm gelang, die schöne Tochter ins Bett zu bringen­ gegen das Versprechen, sie zu schonen. Natürlich war ihm die Schwierigkeit, die Schöne zu erobern, ein Ansporn. Die einfachen Mädchen behandelte er sehr gut. Er zeigte ihnen, wie man speist ohne zu schmatzen, lehrte sie Austern zu essen- denn er wusste, dass zwischen dem Essen. und dem Liebemachen ein Zusammenhang besteht und las ihnen vor- natürlich leicht frivole Literatur. Und er überraschte sie mit hübschen Geschenken. Bei jungen Mädchen, die längere Zeit seine Geliebte waren, bezahlte er die Heirat mit einem jungen Mann ihrer Wahl, meist ein Handwerker, dem das Geld fehlte, um einen Hausstand zu gründen. Er brachte also seine Geliebten, um ihnen Schande zu ersparen, unter die Haube und feierte oft die Heirat mit – nicht ohne ein letztes mal ihre Liebe zu genießen. Als er sich in Paris als Unternehmer in der Fabrikation von chinesisch bemalten Stoffen versuchte- es war die Zeit der Chinoiserien – , beschäftigte er an die zwanzig junge Arbeiterinnen, die ihrem Chef nichts abschlugen – aber er beschenkte alle so großzügig, dass bald der Gerichtsvollzieher kam. Casanova bewies große Ritterlichkeit nicht nur, wenn er seinen Geliebten eine Heirat vermittelte, sondern auch wenn er "gefallene Mädchen", die von ihren Familien verstoßen waren und sich als Hure durch­ schlugen, oder sitzengelassene Frauen aus dem Elend holte, sie mit auf seine Reisen nahm, ihre Dankbarkeit und Liebe genoss und sie schließlich irgendwo anständig verheiratete. Gewiss, er teilte die Ansicht, die Frauen seien das schwache Geschlecht, doch wie die Damen bei Hofe fast von ihren Stöckelschuhen fielen, fand er lächerlich. Und er polemisierte gegen einen Arzt, der behauptete, die Natur der Frau sei durch eine direkte Verbindung von Gehirn und Uterus zu erklären. Casanova betätigte sich nie als Zuhälter wie andere Abenteurer dieser Zeit. Mit erfahrenen Huren ging er um wie ein erfahrener Mann, der zu Huren geht, mit erfahrenen Huren eben umgeht: professionell, ohne Umschweife, formlos, rein sexuell. Alle diese Liebschaften waren ohne Gewalt, unkonventionell, erfindungsreich und ohne Routine und darum – wie jede Improvisation –eine Veranstaltung in Freiheit – sieht man von der Prostitution hier ab, die in jedem Fall Unterwerfung impliziert.
Man hat Casanova die Schelle des Verführers um den Hals gehängt. Doch im Unterschied zu Don Juan wartete er stets, bis er von den Frauen ein Zeichen erhielt, denn abgewiesen zu werden, konnte er nicht ertragen. Casanova war eitel: "Ich gefiel mir selbst zum Entzücken!. schrieb er selbstironisch.

Was war es also, das ihn nur Frauen so anziehend machte, dass sie ihm noch im Alter Briefe nach Dux schrieben?

1) Casanova betrachtete das andere Geschlecht nicht als inferior. Er redete mit seinen Geliebten, erhörte ihnen zu, weil er neugierig war, er behandelte sie als Partnerinnen, d.h. er respektierte sie als Menschen und als Alternative des Mannes. Als man ihm die Bekanntschaft mit der berühmten Kitty, der schönsten Kurtisane Londons vermittelte, weigerte er sich, mit ihr zu schlafen, weil er mit ihr nicht sprechen konnte und damit der Fähigkeit beraubt war, die ihn für Frauen so attraktiv machte: seinen Humor, seinen Witz., seine Bildung, seine Erzählungen aus der großen Welt. Und andererseits konnte er nicht verstehen, was sie sagte. Englisch sprach Casanova nicht, denn damals war noch Französisch die Weltsprache.
2) Er verstand die Liebe als ein Fest, das- wie ein Festmahl- aus verschiedenen – und natürlich überraschenden – Gängen besteht. Das erotische Stelldichein wusste er zu inszenieren. Es ging nicht um den formlosen Vollzug. Im Rokoko ging alle Welt fortwährend ins Theater. Auch in der Sexualität genoss man die Raffinesse theatralischer Prozeduren – besonders Casanova, der Spross einer Schauspielerfamilie. In der Liebe war er kreativ, ein Künstler, kein Techniker, kein Mann von Standardmethoden, sondern von einfallsreicher Spontaneität. (Es gibt ja auch beim Kochen die Alternative, nach Kochbuch zu kochen oder nach eigenen Einfällen) Und wichtiger als all das: er besaß die bei Männern seltene Fähigkeit zur Hingabe, also das, was Männer eigentlich von Frauen erwarten. Seine schnelle und überzeugende Verliebtheit erklärt sich vielleicht aus der autosuggestiven Einbildungskraft des geborenen Schauspielers. Entscheidend aber ist: Er erlöste seine Geliebten von der Vorstellung, dass Sex Unterwer­fung der Frau bedeutet- und vermittelte ihnen so ein Stück Freiheit!Ein Stück der Freiheit, die er auch selbst genoss. Und er befriedigte ihre sexuellen Bedürfnisse zum eigenen Vergnügen, etwas, das Männern damals nicht einfiel. Die jagdtollen Adligen behandelten die Frauen beim Liebesspiel wie ein Stück Wild, das bis zur Erschöpfung gejagt und schließlich erlegt wird. (sie jagten die Mädchen oft durchs ganze Haus.)
3) Gewalt war Casanova zuwider und in der Liebe besonders. "Ich wollte geliebt werden, das war meine fixe Idee," schreibt er. Stolz versichert er, er habe "nie eine Frau ohne deren Einverständnis geliebt." Einmal hat er allerdings in London auf eine Kurtisane eingeschlagen, (die Charpillon) der es Spaß machte, den alternden Kavalier immer wieder zu locken, hinzuhalten und abzuweisen. Er wurde von einem Freund gerettet, als er sich – die Manteltaschen voller Steine – krank vor Scham verzweifelt in die Themse stürzen wollte. Zurecht bemerkt Stefan Zweig, dass Casanova bei den Frauen keine Opfer hinterließ, keine Verzweiflung, wie viele der großen Liebenden Männer, die darauf aus sind, auch die Seele ihrer Geliebten zu besitzen. Besitz war Casanova fremd, er schenkte alles weg. – gewiss auch, weil Verschwendung eine Attitüde das Adels war, dem er so gern angehört hätte. Er konnte sich nur Chevalier de Seintgalt nennen – ein Phantasiename.
4) Casanova war sehr großzügig: er machte seinen Geliebten feinfühlige Geschenke, z. B. Bücher. Dazu eine hübsche Episode: In der Nähe von Lodi lernte Casanova auf dem Schloss eines verarmten Adligen auch dessen Tochter kennen,"ein erstaunliches Mädchen von einem gesunden, tiefen und nachdenklichen Verstand", das ihm auf sein Drängen ihre Bücher zeigte. "Es waren nur etwa dreißig, aber diese waren gut gewählt … Für einen Geist, wie Clementina ihn hatte, genügten sie nicht. "(VIII, 250,252) "Am nächsten Tag fuhr ich nach Lodi und kaufte dort alle Bücher, die für die schöne Clementina passten … Als ich wieder im Schloss Sant 'Angelo angekommen war, ließ ich meinen großen Sack voll von Büchern in Clementinas Zimmer bringen. Das entzückende Mädchen war bei diesem Anblick wie versteinert. Es waren mehr als hundert Bände. Clementina war von Erstaunen und Bewunderung hingerissen; ihre Blicke schweiften von den Büchern zu mir und von mir zu den Büchern." Clementina zeigte ihm ihre Dankbarkeit, wie er es erhofft hatte. Ein Deal? Nein! Mochte Casanova seine Großzügigkeit auch als Mittel einsetzen, um das Mädchen zu gewinnen, Clementina folgte keinem Kalkül. Sie lesen zusammen. Sie möchte seine Frau werden. Er schont sie. Sie trennen sich unter Tränen. Doch ist nicht zu leugnen, dass Casanova seine Großzügigkeit manchmal auch kalkuliert einsetzte. Dazu muss man wissen, dass das Schenken seit alters her und bis heute ein Herrschaftsakt ist, der dazu dient, sich den anderen zu verpflichten – zu Dank oder zu einer Gegengabe. Wie dem auch sei: Großzügigkeit ist und bleibt eine schöne Eigenschaft, sogar wenn sie kalkuliert ist.
5) Casanova schrieb:"Ich verliebte mich immer in das Gesicht, und ich fühlte mich stets bereit, beim übrigen großzügig zu sein. " Und :"Das Gesicht ist der Sitz der Seele". Das spricht gegen die böse Behauptung, er sei ein Frauenviel­ fraß, dem das Individuum ganz gleichgültig sei. Frauen waren für ihn immer neu und einmalig. Die an Casanova kritisierte Wahllosigkeit gegenüber Frauen, die ihn angeblich sogar dazu brachte, mit einer Buckligen zu schlafen, ist ganz anders zu interpretieren: Er ging nicht"brünstig" (Zweig) mit jeder Frau ins Bett, sei sie nun jung, alt, hübsch oder hässlich, sondern er interessierte sich offenbar auch für aparte Ausprägungen des anderen Geschlechts, die der gängige Geschmack verwarf. Genau dies machte ihn zu einem Frauenkenner. Seine Bemerkung:"Ihr schönes Gesicht fesselte meine Aufmerksamkeit, weil es von sprechender Lebendigkeit war und Lust machte zu hören, was sie sagte" fasst das, was ihn an den Frauen anzog, in einen programmatischen Satz. Schönheit ist für ihn demnach nicht eine passive Qualität der Anschauung, sondern ein Ausdruck der Lebendigkeit, ein Ausdruck aktiven Lebens. Wenn Schönheit Lebendigkeit ist, dann können auch ältere Menschen schön sein. Damit entfernt sich Casanova weit von der Konvention. Ob eine Frau nun breitere oder schmalere Hüften, kürzere oder längere Beine, einen großen oder kleineren Busen hatte, war ihm egal, darin war er großzügig. Auf die Lebendigkeit kam es ihn an. Er mochte keine Zierpuppen, keine standardisierten Frauen, er liebte die Frauen als Menschen. Er wollte wirklich wissen, wie sie sind. "Denn ist die Liebe überhaupt etwas anderes als eine Neugier?"

Wenn Casanova von "Liebeskampf' und "Eroberung" schreibt und das Geschlecht der Frau als" Tempel" bezeichnet, in dem ein"Opfer" gebracht wird, so benutzt er allerdings das konventionelle Vokabular der Zeit, das uns heute reichlich abgestanden vorkommt. Originell sind diese Umschreibungen nicht, obgleich Casanova in seiner sonst frischen und freimütigen Sprache als großer Schriftsteller gilt. Die Tabus brach er praktisch, nicht theoretisch, indem er etwa eine extra drastische Redeweise benutzt hätte wie es Schriftsteller heute tun. Wenn er von" Verlierer" im Liebeskampf spricht, so war der Verlierer, wer der Natur als erster oder als erste erlag. Das heißt, dass Casanova, wollte er "Sieger" sein, abwartete, bis seine Geliebte zum Orgasmus kam. Eroberung bedeutet bei Casanova, dass er die Frauen durch seine Art, mit ihnen zu sprechen, gewinnen konnte, also das, was man heute "Charme" nennt. Er war ein Mann der Rede, der mit Humor und Schlagfertigkeit, anzüglich, liebens­würdig und boshaft ganze Tafelrunden unterhalten hat. Der renommierte Casanova-Forscher J. Rives Childs nennt ihn den"bedeutendsten Kopf der europäischen Salons." Casanova brachte die Frauen zum Lachen.

Casanovas Liebesbeziehungen hatten den Charakter eines Spiels, d.h. die Partner waren gleichberechtigt wie bei jedem Spiel, wenn er auch den Mann traditionell als ,Eroberer" (lassen wir hier einmal Spielschulden aus dem Glücksspiel beiseite). Die Folgenlosigkeit ist, was ein Spiel wesentlich vom Ernst des Lebens unter­ scheidet. Wird ein Mädchen schwanger, ist das allerdings eine schwerwiegende Folge, d.h. der Spaß kippt in den furchtbaren Ernst des Lebens um – am schlimmsten dann, wenn ein Mädchen durch Inzest schwanger wird. Der Inzest ist ein Tabu. Was immer an moralischen Gründen für das Verbot angeführt wird, mit engen Familienmitgliedern sexuell zu verkehren, der vernünftige Grund ist, die Inzucht zu vermeiden. Marco Polo, der im 13. Jahrhundert China bereiste, berichtet, dass ihm von seinen Gastgebern regelmäßig Ehefrauen und Töchter ins Bett gelegt wurden, um durch die Zufuhr neuen Blutes die Tüchtigkeit der Familie zu erhalten. Und natürlich hat Casanova auch dieses Tabu gebrochen.

Wobei erwähnt werden muss, dass in den Zeiten, als der Patriarch seine Familie als sein uneingeschränktes Eigentum betrachtete, es – bei den italieni­schen und französischen Bauern bis in das 19.Jahrhundert- üblich war, dass der Herr als Demonstration seiner Herrschaft alles penetrierte, Frau, Tochter, Magd und sogar das Vieh- (Vergewaltigung ist ein Herrschaftsakt) Emile Zola, der für seine genauen Recherchen berühmt war, schreibt, dass der Bauer sogar die Erde, seinen Acker, als "Weibsbild" betrachtete (Die Erde, S. 165, 212).
Wenn Casanova nun mit seiner eigenen Tochter Leonilda schlief – und das unter Beihilfe ihrer Mutter, einer ehemaligen Geliebten und Ehefrau eines Ehrenmannes, und sogar wohl wissend, dass Leonilda seine Tochter war, so muss doch gesagt werden, dass die Tochter erwachsen war, in ihren Vater offenbar verliebt und das Ganze ohne Gewalt geschah. Doch da dieses Liebes­ spiel als folgenlos konzipiert war, gab es für Casanova kein Problem. Amüsiert raisonniert er darüber, dass er Vater und Großvater zugleich hätte sein können – im Prinzip. Dabei genoss er durchaus, dass er eine Sünde beging. Casanova liebte das Risiko, das ja ein starkes Motiv für ein abenteuerliches Leben ist. So erregte ihn immer die Gefahr der Entdeckung, die ja stets ein Stimulanz ist, und suchte, um seine Kühnheit und seine Findigkeit seiner jeweiligen Geliebten und sich selbst unter Beweis zu stellen, möglichst schwierige Situationen zu meistem, etwa im Kloster. Einmal verkleidete er sich als Kellner, um in die Privaträume einer Dame zu gelangen und kroch unter den Tisch, um ihr beim Aufknüpfen der Stiefelehen behilflich zu sein. Dabei betastete er ihre schönen Waden. Es machte ihm Vergnügen, mit den Ehefrauen in Gegenwart der schnarchenden Gatten zu schlafen. Den abgestumpften Ehemännern, die ihre Frauen als Besitz betrachteten, Hörner aufzusetzen, machte ihm besonderen Spaß. Eingebildete, prahlende, dumme Männer waren seine liebsten Opfer. "Einen Dummkopf zu übertölpeln ist eine Tat, die eines Mannes von Geist würdig ist," schreibt er, wobei er anmaßende Dummköpfe sehr wohl von einfaltigen Menschen zu unterscheiden weiß. In den meisten Fällen war die Art seiner Liebesbeziehungen also durch den Bruch eines Tabus akzentuiert, d.h. durch einen Akt der Befreiung.

Im 18. Jahrhundert, also zu Zeiten des Feudalismus, war die Ehe in der Hauptsache eine ökonomische Institution zum Erhalt und der Vergrößerung der Familie oder des Clans. Es ging Adel und Bauern, soweit letztere nicht Leib­ eigene waren, in der Agrarwirtschaft um die Vergrößerung von Land. Die Ehepartner hatten die Aufgabe, die Nachkommenschaft zu sichern, den Fort­ bestand der Familie. Erst mit der Romantik des bürgerlichen 19. Jahrhunderts entsteht die Vorstellung, Ehe und Liebe miteinander zu verbinden, eine Vorstellung, die auch heute eher bei den kleinbürgerlichen Mittelschichten gilt, nicht aber bei den mächtigen Familien. Liebesheiraten heißen dort oft "Mesalliancen". Weil also im 18. Jahrhundert die Ehe eine unverhohlen ökonomische Einrichtung war, hielten die Mächtigen ihre Maitressen, die anderen ihre Geliebten. Auch den Ehefrauen des Adels war gestattet, Geliebte zu haben. Eifersucht war, wie gesagt, lächerlich. Sexualität war, sieht man von der Pflicht, Nachkommen zu erzeugen einmal ab, eine außereheliche Angelegenheit. Ehen waren auf die Lebensdauer hin angelegt – bis dass der Tod euch scheidet. Die Geliebten dagegen wechselten, d.h. die Sexualität war ganz ungebunden. Tatsächlich rangierte sie nicht viel höher als Essen und Trinken und wurde bei jeder Gelegenheit vollzogen. Die Aufklärung hatte bewirkt, dass das Liebe­ machen als ein natürlicher Vorgang galt, nicht als Vollzug einer heiligen Handlung. Das fromme Bürgertum des frühen 19. Jahrhunderts geißelte die verderbten Adligen, "die es trieben wie die Hunde". Der Liebesakt war leicht gemacht, denn frau trug keine hinderliche Unterwäsche. Die Damen zeigten den entblößten Busen, die Kunst des Retrousse bestand darin, die Kleider zur Erregung der Herren zu lüpfen. Der große Watteau hat die jungen frechen Damen gemalt, die genau zu diesem Zwecke auf die Schaukel stiegen, wo der Wind ihre Schönheiten entblößte. Die Herren genierten sich nicht, ihre eigenen Herrlichkeiten in natura vorzuführen- sogar bei Tafel. Wenn Casanova eine Dame oder ein Bürgermädchen solcherart bedrängte, gab er als Legitimation für seine Zudringlichkeit oft an, es sei die Natur, die ihn zwinge, derart zu handeln. Retour alla nature! War das Schlagwort Rousseaus, den er übrigens besucht hat.

Der Casanova-Forscher Childs (sehr gute Rororo-Biografie) beklagt, dass Casanova immer nur nach den moralischen Maßstäben des 19. oder 20. Jahrhunderts beurteilt worden ist, nie nach denen seiner eigenen Zeit, in welcher Liebe etwas ganz anderes war und Scham eher eine Art Koketterie – wenigstens bei den Adligen. Für uns ist es ja auch befremdlich zu erfahren, dass die Entleerung des Körpers im 18. Jahrhundert noch eine Verrichtung war, die ungeniert in aller Öffentlichkeit vollzogen wurde. Der Begriff des Intimen entsteht erst im bürgerlichen Zeitalter in Zusammenhang mit der Entwicklung der Individualität. Das 18. Jahrhundert, das Aufklärung und Rokoko umfasst, war mehr oder weniger schamlos.
Treue ist eine Tugend, die auf Beständigkeit hin geübt wird. Vor allem ist sie eine freiwillig eingegangene Abhängigkeit, die Casanova als Mensch, dem die Freiheit über alles ging, für sich nicht gelten lassen konnte. Treue ist eine Eigenschaft, die nach Bodenständigkeit verlangt. Sie hat Verwandtschaft mit dem Heimatgefühl. Es liegt auf der Hand, dass mobile Menschen die innere Sicherheit, die Treue gibt, kaum genießen können. Casanova, der ja nach seiner Flucht aus dem Gefängnis als ein Verbannter durch die Welt zog, hatte oft großes Heimweh nach seiner Vaterstadt und ließ sich, nur um zurückkehren zu können, sogar dazu erpressen, dem Staate Spitzeldienste zu leisten. Treue ist eine Bindung, die bei einer Liebesbeziehung ein Bedürfnis ist. Sie impliziert den Verzieht, außerhalb dieser Beziehung nach sexueller Befriedigung zu suchen. Bindungsfurcht hatte Casanova, weil er die Freiheit über alles stellte. Doch unter seinen vielen Amouren gibt es einige, bei denen Verliebtheit an Liebe grenzte, d.h. sich die Perspektive auf die Möglichkeit einer Zukunft, eines tieferen Verhältnisses öffnete.(Esther, Henriette, Mme Dubois) Auf der Schwelle zu einer anderen Lebensmöglichkeit genoss Casanova wenigstens den Duft dieser Alternative, der wie aus einem verbotenen Garten zu ihm hinüber­ wehte. Doch dann wandte er sich um und stürzte sich wieder in die Freiheit. Ebenbürtige Partnerinnen fand er selten. Seine großen Lieben beschreibt er mit Wärme und Bewunderung und erinnert sich ihrer oft mit Wehmut.
Verliebtheit aber, dieser Rausch, den Casanova immer wieder genießen wollte, bedarf der Nähe und verträgt sich schlecht mit zeitlicher und räumlicher Trennung. Verliebtheit und Verzicht, das geht nicht zusammen. Verzichten, das wollte und konnte Casanova nicht. Denn das Verzichten ist – wie das Sparen – eine bürgerliche Haltung und einem Menschen des Ancien Regime, der sich dem Adel zurechnete, der seine Macht in der Verschwendung demonstrierte, unverständlich.

Diejenigen, die im 18. Jahrhundert in der Welt herumkamen, gehörten zum sog. Fahrenden Volk: es waren Schausteller, Quacksalber, Ärzte, Schauspieler, Sänger, Spieler und Huren. Dazu kamen natürlich auch die Seeleute, Kaufleute, Diplomaten und Agenten aller Art. Auch Maler und Handwerker gingen auf Reisen und lebten an verschiedenen Orten.
Diese Sorte von Leuten stellt unter den Nomaden der Globalisierung immer noch ein großes Kontingent. Darum mögen Gesichtspunkte, die an Casanovas Lebenserinnerungen zu gewinnen sind, auch für heute gelten, obwohl doch die gesellschaftlichen Verhältnisse sich gründlich geändert haben. Zu den Nomaden der Jetztzeit gehören gesuchte Spezialisten, etwa Monteure und Techniker aller Art, die Brücken, Industrieanlagen und Bohrinseln bauen, die Manager welt­weiter Konzerne, Banker, zu den Künstlern kommen die Kuratoren und Ausstel­lungsmacher hinzu, außerdem Filmschauspieler, Forscher, Journalisten, Foto­grafen, Sportler, Saisonarbeiter, Flugpersonal, Studenten, Aussteiger, Soldaten, Söldner und Flüchtlinge aller Art – auch James Bond. Viele dieser Nomaden haben zwar ein Zuhause, d.h. eine Familie, können diese aber nur selten besuchen. Mögen sie ihre Ehefrauen aus der Ferne lieben, ihre sexuellen Bedürfnisse müssen sie unterwegs befriedigen. Insofern gilt für diese mit der Globalisierung wachsende Gruppe, mehrheitlich Männer, mehr oder weniger das, was für die reisenden Abenteurer vom Schlage Casanovas galt: ihre flüchtigen Liebesverhältnisse bleiben oberflächlich. Und das auch darum, damit sie sich von ihren Geliebten leichter lösen können. Es handelt sich um Liebes­verhältnisse ohne eine Zukunft.

Was nun macht die Aktualität Casanovas aus?

Trotz der Defizite, die eine vorübergehende Liebesbeziehung gegenüber einem langfristig angelegten Verhältnis hat, das tief sein kann und vor allem entwick­lungsfähig, kann die Liebe unter den Bedingungen der Mobilität doch eine eigene Qualität erlangen. Wenn die Partner sich der Projektartigkeit ihrer Beziehung wirklich bewusst sind, werden sie versuchen, die kurze Zeit auszu­kosten, d.h. die Beziehung kann sehr intensiv werden.
Sieht man vom rein sexuellen Verkehr mit Prostituierten einmal ab, kommt es darauf an, der Beziehung in der Kürze der Zeit eine unverwechselbare, d.h. auch erinnerbare Gestalt zu geben, eine Form, und alles zu erleben, was man kann. Solch eine Liebesbeziehung kann inszeniert werden und ihre Gestalt kann durchaus künstlerisch sein, verspielt, kokett, raffiniert. Kein Aufschub ist möglich. Es muss hier und jetzt geschehen. Solche zukunftslosen Liebesbeziehungen leisten sich keine Muße. Eine Zeit des Nichtstuns, der Beschaulichkeit und des Nachdenkens, die man sich in langfristigen Liebesverhältnissen leisten kann, wird es selten geben. Die kurze Zeit wird eher aktiv und sexuell aktiv verbracht. Man wird sich bemühen, Konflikte zu vermeiden, um eine schöne Zeit zu haben. Nun sind es aber gerade die Konflikte und die gelungenen Konfliktlösungen, die langfristige Beziehungen wie die Ehe stabilisieren. Mit anderen Worten, in kurzfristigen Beziehungen ist es nicht möglich, den anderen wirklich kennen zu lernen. Es ist vor allem auch nicht möglich, sich selbst und die Beziehung zu entfalten. Das vorbehaltlose Vertrauen in den anderen, diese tiefe Freundschaft, die Liebe auszeichnet, kann sich nicht einstellen, wenn die Partner fürchten, sich zu binden.

Von den – auch materiellen – Zwängen und Anforderungen eheähnlicher Verhältnisse unbelastet (Kinder, Haushalt), zu deren Erleichterung Routinen entwickelt werden, kann die heute weitgehend tabulose und furchtlose Sexualität in großer Freiheit ausgelebt werden, d.h. in einer aus Zwängen aller Art bestehenden Welt gibt es die Möglichkeit, Freiheit zu leben. Voraussetzung ist – das kann man von Casanova lernen – der vorbehaltlose Respekt vor dem anderen Geschlecht ohne Besitzansprüche (inklusive Eifersucht) und Gewaltanwendung, wozu auch die seelische Unterdrückung gehört und das unverzeihliche Bedürfnis, sich den anderen psychisch abhängig zu machen. Bindungsfurcht haben die Menschen heute o , weil sie befürchten, falls sie sich verlieben, nicht soviel zurückzubekommen wie sie gegeben haben. Bei dieser Art, ein Liebesverhältnis als einen Deal zu betrachten, fehlt jene Großzügigkeit des Herzens, die am Geben seine Freude hat und überhaupt nicht daran denkt, etwas zurück
zu bekommen. Diese unkalkulierte Großzügigkeit mündet in Hingabe, zu der Casanova fähig war, wenn er sich wirklich verliebte. Dann gab er alles, und keine Frau konnte dem widerstehen. Solche Beziehungen, die über den kalkulierten Deal hinausgehen, sind durch die Großzügigkeit des Gebens und Schenkens charakterisiert. Und wenn das Ganze als Spiel angelegt ist, nach dem man sich konfliktlos trennt, ohne an den Folgen zu leiden, und unverletzt wieder seiner Wege geht – nicht ohne Chance, sich wieder zu treffen – dann muss das Ganze als ein Fest gedacht werden, ohne Probleme, mit Überraschungen und viel Spaß, d.h. als eine bewusste Oberflächlichkeit. Das Einreißen von Routinen nimmt diesen Liebschaften, was sie sein können, d.h. die Qualität der Inszenierung, Verspieltheit, Raffinesse, welche langfristige Verhältnisse meist nicht haben.

Doch die furchtbare Gefahr eines Lebens unter der Bedingung der Mobilität ist die Einsamkeit im Alter. Darunter hat Casanova sehr gelitten. Auf dem Schloss in Dux, wo er ein kleines Zimmer hatte, gab es niemanden, mit dem er vernünftig sprechen oder anzüglich flirten konnte – von den Besuchen beim Prince de Ligne im nahen Teplice abgesehen. Die Domestiken des Grafen quälten ihn, er vergrub sich in die Bibliothek und rettete sich aus diesen traurigen Umständen nur dadurch, dass er seine Lebenserinnerungen schrieb. Und sich all die mit den Frauen erlebten Köstlichkeiten noch einmal genau vorstellte.

Nun möchte ich noch auf ein aktuelles Phänomen eingehen, das mit der Tendenz zur Individuierung zusammenhängt, worunter zu verstehen ist, dass das Individuum sich in unserer entwickelten, ausdifferenzierten Gesellschaft immer mehr aus den Traditionen von Kirche, Gewerkschaften usw. herauslöst, Institutionen, die dem Einzelnen bestimmte Entscheidungen abgenommen hatten, die er nun selber treffen muss. Dies gilt für die mobilen, wortwörtlich entwurzelten Menschen ganz besonders. Mit der Individuierung wächst die Freiheit, Entscheidungen zu treffen, d.h. die Souveränität – freilich nur eine Souveränität innerhalb der Spielräume, welche die Gesellschaft dem einzelnen lässt. Damit verbindet sich der Anspruch auf Selbstverwirklichung, ein Anspruch, der oft von einem Narzissmus getrieben ist, eine Selbstverliebtheit, zu der meist die Erziehung den Grundstein legt. "Da wir aber als selbstverliebte Menschen vor nichts solche Angst haben wie vor dem Gefühl, enttäuscht zu werden, haben wir immer eine Reißleine im Kopf und begeben uns in eine Beziehung nur so weit hinein, dass sicher ist, dass wir auch wieder hinauskommen." Was Florian Illies hier in "Generation Golf ' beschreibt, ist das ökonomische Kalkül, mit sich selber Haus zu halten, d.h. anstatt sich hinzugeben, sich großzügig zu schenken, lieber am Gefühl zu sparen. Geiz ist geil offenbar auch hier.
In dem neuen Buch "Liebe, ein unordentliches Gefühl" von Richard David Precht, das leider den Aspekt der Mobilität ganz unberücksichtigt lässt, findet sich das Zitat des italienischen Philosophen Umberto Galimberti: "Was in der Liebesbeziehung gesucht wird, ist nicht der andere, sondern die Selbstverwirk­lichung durch den anderen. Das Du wird zum Mittel für das Ich. " (296) Hier wird ebenfalls ein ökonomisches Kalkül angesprochen, auf das ich hier nicht weiter eingehe. Es besteht also nicht nur die Gefahr, einander wechselseitig auszunutzen, sondern auch die Gefahr, dabei möglichst sparsam, also geizig zu verfahren. Das läuft auf einen ökonomischen Deal hinaus, wo jeder mit den geringsten Mitteln den größten Nutzen erreichen will. Es bedeutet, dass die Ökonomie, die einen Großteil unseres Lebens bestimmt, auch den Bereich im Griff hat, in welchem wir weitgehend frei sein könnten. Wohlgemerkt besteht diese Freiheit natürlich nicht darin, möglichst viele Stellungen ausprobieren zu können
Neulich habe ich vom "Verfallsdatum" einer Beziehung gelesen. Verfallsdaten haben sonst nur verderbliche Konsumartikel. Die Liebesbeziehung wird mit diesem Ausdruck nicht nur als kurz und als notwendigerweise immer weniger genießbar, sondern auch als ein reines Konsumentenverhältnis beschrieben, also als eine Dienstleistung, die mit der Zeit schlechter wird. Dass aus einer kurz­fristigen Liebesbeziehung eine langfristige werden kann, dass die Verliebtheit sich etwa zu einer Liebe entwickelt, wird mit diesem Ausdruck von vornherein ausgeschlossen. Die Beziehung verfällt hoffnungslos – offenbar weil man einander wortwörtlich satt hat.
Es ist schwer rein theoretisch zu beurteilen, ob die Kurzfristigkeit, mit der mobile Menschen leben, diese fatale ökonomische Haltung fördert. Zumindest liegt es nahe, wenn man in kurzer Zeit möglichst viel zusammen erleben will, d.h. wenn man sich unter Leistungsdruck stellt und sich als Versager vorkommt, wenn es nicht klappt. Das würde bedeuten, dass solche Beziehungen zu sex only tendieren – aber das hätte mit Casanova dann nichts mehr zu tun. Gegen die fatale Ökonomie in der Liebe hilft nur das Verschwenden, d.h. das Geben, ohne an das Nehmen zu denken, und die kunstvolle Gestaltung der Beziehung. Dazu gehört auch das Spielen von Rollen, der Spaß, sich zu verkleiden und jemand ganz anderer zu sein. Und vor allem: nach Casanova sollte eine solche Liebesbeziehung ein Fest der Freiheit sein, jenseits von Gewalt, psychischer Abhängigkeit und Unterdrückung. Steter Neuanfang, um frei zu sein und diese Freiheit zu teilen.
Verliebtheit, welche Sexualität einschließt, ist eine sehr starke Kraft, die Menschen zu allem möglichen befähigt, z.B. Klassengrenzen, Sprachgrenzen, Kulturgrenzen zu überschreiten. Wäre es denkbar, dass wir unser Gefühl für Freiheit überhaupt aus der Exzessivität des Liebemachens gewinnen? Also aus einer extatischen Situation, in der man alle Konventionen sprengen kann? Denkbar, beweisbar nicht.