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(The mirror)

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Ich sehe was, was du auch siehst (4):
Eine Sommerserie über selbstverständliche Dinge des Alltags:
Der Spiegel

Der Spiegel ist ein Zauber und ein Problem – seit dem Mythos von Narziss, den Ovid in seinen Metamorphosen in Verse gefasst und Caravaggio in seiner ganzen Tragik gemalt hat. Der Knabe, der von der Jagd ermüdet, sich an einer Quelle niederlässt, erblickt auf der Wasseroberfläche sein Spiegelbild – offenbar zum ersten Mal, denn er hält das, was er sieht, für einen realen Körper und dazu für den Körper eines anderen, in den er sich verliebt. Er begehrt diesen anderen so sehr, dass er ihn im Wasser zu umfassen sucht. Dabei ertrinkt Narziss, ohne zu wissen, dass, was er liebt, er selber ist.
Der Zauber besteht in der naturgetreuen Wiedergabe eines Körpers, das heißt der Vorspiegelung der Alltagswirklichkeit. Es geht um die Konstitution von Identität zwischen Schein und Sein. Das Problem ist, dass die Wirklichkeit, die man im Spiegel sieht, nur ein Abbild ist, ein „Schatten“ (Ovid), und dazu seitenverkehrt. Was wir im Spiegel sehen, ist also weder wirklich noch wahr. Nur ich selbst sehe mich seitenverkehrt, die anderen sehen mich so, wie ich tatsächlich aussehe. Das haben wohl weder die Zeitungsmacher bedacht, die ihre Blätter Spiegel, Tagesspiegel, Weltspiegel nennen, noch die Wissenschaftler des verblichenen Realsozialismus, welche ihre Erkenntnistheorie „Widerspiegelungstheorie“ nannten.
Obwohl also, was man dort sieht, buchstäblich „verkehrt“ ist, genügt es im praktischen Leben doch zur Kontrolle des Selbst und der Umgebung. Die Verkehrtheit des Spiegels ist in dem Wort „Spiegelfechten“ erhalten: der Ausdruck, der heute so viel wie Blendwerk und Schwindel bedeutet, leitet sich von der Fechtübung vor dem Spiegel her, bei der man keinen wirklichen Gegner hat. Wenn man jemandem etwas „vorspiegelt“, redet man von Dingen, die nicht wirklich sind – wie die Luftspiegelung (Fata Morgana). Die reine Seitenverkehrtheit ist in „Spiegelschrift“ erhalten. In einen Handspiegel blickt „Vanitas“, eine der sieben Todsünden, die oft an Kirchenportalen – etwa am Straßburger Dom – als Standbild einer jungen Frau dargestellt ist. In ihrer Eitelkeit macht sie sich etwas vor, denn tatsächlich ist ihr Rücken bereits von Würmern zerfressen. Der Spiegel sagt ihr also nicht die Wahrheit.
Eitelkeit ist ein Verstoß gegen das erste Gebot („Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!“). Das Gebot richtet sich unter anderem gegen den Fetischismus, unter den die Eitelkeit insofern fällt, als sie eine Selbstvergötterung ist. „Vanitas“ bedeutet auch Vergänglichkeit. Vanitas-Motive werden in der Kunst als Mahnung an den Tod (Memento mori) dargestellt: etwa als erloschene Kerze, welkende Blume oder faulendes Obst.
Der Spiegel gilt als ein Sinnbild des Rokokos, insofern die Eitelkeit in der dekadenten Endphase des Feudalismus mit seiner forcierten Künstlichkeit einen Höhepunkt erreichte. Mit raffiniertester Selbstinszenierung galt es, die anderen zu blenden und in gedrechselten Komplimenten und eleganter Pose Zuneigung und Verehrung vorzuspiegeln. Mit dieser Falschheit verband sich ein Sinn für die Vergänglichkeit – Morbidität war en vogue. Der Spiegel dient nicht nur der Selbstkontrolle wie etwa beim Schminken, sondern auch der Kontrolle der Umgebung. Nur im Spiegel kann man beobachten, was im Hintergrund vorgeht – etwa im Autorückspiegel – und dazu, ohne als Beobachter selbst in Betracht kommen zu müssen. In den Spiegelsälen des Barocks und Rokokos kontrollierten der König und seine Späher, was an Verabredungen, Intrigen und Spielbetrug hinter dem Rücken vor sich ging.
Der Spiegel hat den Reiz des Indirekten – und gehört darum wie alle Indirektheit – in die Sphäre des Raffinements. So begegnete man in den Spiegeln der legendären Pariser Bistros etwa dem Blick einer Frau und begann in Gegenwart ihres Gatten mit ihr zu flirten. In den Séparées ermöglicht die verspiegelte Decke, das eigene Liebesspiel zu verfolgen. Im Barock wurde der Spiegel auch als Mittel zur fiktiven Erweiterung und zur Erhellung des Raumes verwendet. Einen Eindruck von diesen Möglichkeiten gibt das Spiegelkabinett, in dem man sich verirrt. Übrigens arbeiten auch die Magier mit Spiegeln, wenn sie Menschen fortzaubern. Die Illusion sowie der Betrug sind mit dem Spiegel fest verbunden.

(The walls)

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Ich sehe was, was du auch siehst (3):
Eine Sommerserie über selbstverständliche Dinge des Alltags:
Die Wand

Nichts ist selbstverständlicher als eine Wand. Dabei ist Wand an Wand zu wohnen, also eine Mauer zu teilen wie in den Stadthäusern, ein Kulturfortschritt, wird doch im Unterschied etwa zum frei stehenden Eigenheim ein prinzipielles Vertrauen in den Nachbarn unterstellt. Die Germanen waren stolz, um ihre Wohnstätten herum einen möglichst weiten unbewohnten Raum zu haben – je größer dieser war, als umso gefürchteter galt der Stamm. In griechischen und italienischen Dörfern, in denen die Häuser eng aneinander gebaut sind, lebt man weniger distanziert, also geselliger als in Orten, wo die Häuser einzeln und auseinander stehen.
Wenn ein junges Paar zusammenzieht, sagt man, sie wohnen jetzt „in den eigenen vier Wänden“, und nicht, sie haben nun ein „Dach über dem Kopf“. Das Dach gilt als Schutz gegen die Natur, die Wände sind eine Abgrenzung gegenüber den anderen. Das Dach ist das Mindeste, die Wände aber sind eine soziale Umgrenzung des Eigenen, des Privaten, Intimen – und des Besitzes. Die Rede, dass „die Wände Ohren haben“, soll aus der Zeit der Bartholomäusnacht stammen, in der die protestantischen Hochzeitsgäste des Henri Quatre von Navarra grausam ermordet wurden. Katharina von Medici hatte damals unsichtbare Horchkanäle in die Wände des Louvre einbauen lassen, damit sie aus verschiedenen Zimmern hören konnte, was man über sie sprach. Mehreren Mordplänen soll sie dadurch zuvorgekommen sein, schreibt Lutz Röhrich.
„Der Horcher an der Wand hört seine eigene Schand’“, lautet ein Spruch und besagt damit auch, dass Wände in der Regel dünn sind. Besonders in Japan, wo die traditionellen Wände aus Papier so leicht und durchsichtig sind, dass das, was wir Westler unter Privatleben verstehen, nicht möglich ist. Es liegt auf der Hand, dass die Art der Wände einen starken Einfluss auf das Zusammenleben hat. Wenn jemand „die Wand hoch geht“, ist er fuchsteufelswild. Offenbar kann er keine Tür krachend hinter sich zuschlagen. Es ist also eine Wut, die keinen Ausweg hat – eine wirklich furchtbare Wut.
Es waren die großen Baumeister des Barocks, die den Spruch, dass die „Wände wackeln“, buchstäblich verwirklicht haben. In Borrominis Kirche San Carlo alle Quattro Fontane in Rom hat man den Eindruck, sich im Inneren eines pulsierenden Herzens zu befinden, so sehr scheinen sich die geschwungenen Wände zu bewegen. Im Unterschied zu dem sachlichen Ausdruck „Mauer“ bezeichnet „Wand“ den Aspekt der Menschenbezogenheit, das heißt die Seite der Mauer, die den Menschen zugewandt ist. Darum wird die Wand verputzt: Sie wird schön gemacht. Erst durch diese Ausformung der Zugewandtheit wird aus der Mauer wirklich eine Wand – für uns.
Erst mit der Wand gibt es die Möglichkeit, innerhalb des Hauses Räume nach ihrer Nutzung voneinander abzuscheiden. Als Goethe auf seiner Italienreise einen Gastwirt nach der Möglichkeit fragte, ein gewisses Bedürfnis zu befriedigen, sagte der: „dappertutto“ („überall“) und wies in den Hof. Sowohl das Klo wie das Bad waren zu jener Zeit nur ausnahmsweise im Haus. Badete man zu Hause, wurde ein Paravent vor den Holzzuber gestellt. Der faltbare Paravent (wörtlich: gegen den Wind) ist ein Vorläufer der flexiblen Wand, die – wohl in den 20er-Jahren erfunden – in den 70er-Jahren wieder entdeckt wurde, als die Variabilität gegenüber der Verknöcherung der Nachkriegsverhältnisse überall Programm war. Die Räume konnten so unterschiedlich abgeteilt werden.
Wandlosigkeit kennzeichnet dagegen urtümliche Verhältnisse. Carlo Levi beschreibt das typische Bauernhaus in der süditalienischen Provinz Matera aus den 30er-Jahren: „Die Häuser der Bauern bestehen aus einem einzigen Raum. Das Zimmer ist fast ganz ausgefüllt von einem riesigen Bett, in ihm muss die ganze Familie schlafen. Die Kleinsten haben kleine Weidenkörbchen, die an Stricken von der Decke hängen. Unter dem Bett liegen die Tiere: der Raum ist so in drei Schichten aufgeteilt: auf dem Fußboden die Tiere, auf dem Bett die Menschen und in der Luft die Säuglinge.“ Wände würden diese drei Schichten in getrennte Räume verwandelt haben.
Wände verändern solche archaischen Zustände, indem sie die Kontrollmöglichkeit des Patriarchen begrenzen. Mit dem anscheinend demokratischen Großraumbüro wird der alte Zustand reinstalliert: Der Abteilungsleiter kontrolliert alles – außer dem Klo.

(The staircase)

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Ich sehe was, was du auch siehst (2):
Eine Sommerserie über selbstverständliche Dinge des Alltags:
Die Treppe

– deren soziale Bedeutung einst immens war. Es war eine Frage des Rangs, ob der Fürst den Gast oben erwarteten oder sich zu ihm auf gleicher Stufe herabließ. Ohne Treppe gäbe es nicht einmal einen ersten Stock und – trotz Elisha G. Otis’ Erfindung des Lifts – auch kein Hochhaus. Erst ohne Treppen wird der Stromausfall zum GAU. Das Bedürfnis, in die Höhe zu bauen, ist alt. Monumentale Treppenanlagen findet man schon in Knossos auf Kreta. In einer unsicheren Welt dienten Hochbauten (Türme) dem Schutz, der Herrschaft und der Herrschaftsdemonstration. Um sich vor Feinden zu schützen, stieg man Leitern hinauf. In Bologna, Lucca und San Gimignano sind einige Wohntürme des Adels erhalten. Eine alte, geniale Erfindung ist die Wendeltreppe, die sich spindelartig auf einem Punkt platzsparend in die Höhe schraubt. Heute treiben Bodenknappheit und die hohen Grundstückpreise in den Städten den Bau in die Höhe. Treppen oder Stiegen sind so weit rein funktional.
Werden Treppen allerdings innerhalb der Frontfassade oder des Eingangsbereichs Teil der Schauseite eines Gebäudes, sind sie auf ein angemessenes Gehen hin eingerichtet, sie dienen der Repräsentation und werden dabei selbst repräsentativ. Der Unterschied zwischen Leiter und Treppe entspricht dem zwischen Affe und Mensch, denn auf der Leiter müssen wir uns wieder wie ein vierfüßiges Tier bewegen. Die horizontale Fläche einer Treppenstufe, der „Auftritt“, ist der Fußlänge angepasst, die vertikale Stufenfläche, die höhere oder niedrigere „Setzstufe“ bestimmt die Beugung des Knies: einem Soldaten wird zugemutet, die Knie hoch zu ziehen, um schnell nach oben zu gelangen, für den Dogen hingegen ist die Setzstufe so niedrig, dass das Hinauf - oder Hinabsteigen ein würdiges Schreiten bleibt.
Bei Außentreppen ist der Auftritt oft podestartig lang, sodass die Schrittfolge einen wohl kalkulierten schönen Rhythmus erhält. Die Zwischenpodeste ermöglichen ein effektvolles Innehalten. Dem leichteren Steigen, dem Schutz vor dem Fallen und dem würdigen Hinabschreiten dient das Geländer, auf dem die Hand entlang gleitet. Die Treppe und der Handlauf, die Türklinke und der handgerecht geformte Ziegelstein sind in der modernen, industriell vorgefertigten Architektur die wenigen Reminiszenzen an das angebliche Maß aller Dinge: den menschlichen Körper.
Die großartigen Treppenhäuser des genialen Balthasar Neumann (1687 bis 1753) in Bruchsal, Brühl und Würzburg sind Konstruktionen für das Ritual der Begrüßung. Die Treppe und das Hinauf- oder Hinabschreiten präludieren das Zusammentreffen. Es war eine Frage des Rangs, ob der Hausherr – der Fürst – den Gast auf einem oberen Podest erwartete oder ihm entgegenschritt, sich buchstäblich „herabließ“. Erst dann standen Hausherr und Gast wortwörtlich „auf gleicher Stufe“. Die Treppe ist seit je auch das Instrument einer soziale Vermittlung. Vielleicht war sogar die Anzahl der Stufen, die der Hausherr sich herabließ, nach dem sozialen Rang des Gastes berechnet. Jemanden die Treppe hinabzuwerfen bedeutet einen sehr tiefen Fall.
Ästhetisch betrachtet ist die Freitreppe eine Überleitung zwischen der Horizontalen des Terrains und der Vertikalen der Gemäuers, eine abmildernde Vermittlung der ansonsten abrupt aufeinandertreffenden beiden Hauptparameter der Architektur – darin übrigens ähnlich dem architektonischen Dekor der Volute. Derart leitet die Treppe in die Landschaft über oder zieht die Landschaft heran, die – domestiziert und kultiviert – selbst zu einem Stück Architektur wird.
Den Vorraum von Michelangelos Bibliotheca Laurenziana in Rom vergleicht Nikolaus Pevsner mit einem Schacht, die Bibliothek selbst mit einem Stollen und die Treppe mit „einem zähen, lavaähnlichen Fluss“. In der manieristischen Architektur wird die Treppe künstlerischer Ausdruck quälender, unlösbarer Dissonanzen. Nicht nur bei der Spanischen Treppe, die von der Kirche Trinità dei Monti in Rom hinabflutet, gibt es konvexe und konkave Stufen, die von den sich vorschiebenden Wellen einer Flüssigkeit inspiriert zu sein scheinen, wobei die konkave Stufe zum Aufstieg einlädt, die konvexe den Abstieg vorbereitet.
Überhaupt ist die Kaskade Vorbild für den Treppenbau: Wie der Wasserfall, der sich verschiedene Seitenabflüsse sucht, gibt es in Barock und Rokoko Treppen mit Haupt- und Seitenabgängen. Andere Treppen aus dieser Zeit scheinen sich in einer Kurve federleicht hinaufzuschwingen. Heute ist die praktische Funktion der schlichten Höhenüberwindung zweifellos dominant, die soziale und die ästhetische Bedeutung der Treppe wird dabei leicht vergessen. Treppe ist Treppe, na und?

(The chair)

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Ich sehe was, was du auch siehst (1):
Eine Sommerserie über selbstverständliche Dinge des Alltags:
Der Stuhl

– ein Möbel, um den Menschen sesshaft zu machen. Ein Stuhl erhöht den Menschen über den Boden und erfüllt sein tiefes Bedürfnis, sich von den Tieren zu unterscheiden, die sich im Dreck wälzen – am verächtlichsten die beinlose Schlange, ein Sinnbild des Teufels. Als Erhöhung ist der Stuhl Ausdruck der Menschenwürde. Vom Bettler erwartet man, dass er auf dem nackten Boden hockt, im Schmutz, um die entwürdigende Niedrigkeit seines sozialen Status sinnfällig zu machen. Tatsächlich sieht man nirgends einen Bettler auf einem Stuhl sitzen. Abendländer betrachten darum Asiaten, die abends nach getaner Arbeit am Straßenrand – sogar in New York – in der Hocke zu sitzen pflegen, mit Befremden. Der Kaiser von China saß einmal auf einem hohen Thron, und man näherte sich ihm auf allen vieren kriechend.
Der Stuhl ist mit Sitz, Rückenlehne, Armstützen und Beinen dem menschlichen Körper so sehr angeschmiegt, dass er in der Kunst manchmal als Symbol für den Menschen selbst steht. Schwellende Kissen und Polster sind dem weichen Fleisch der Müßigen nachgebildet, und die Marodeure aller Zeiten stachen anstelle der Herrschaften, die geflohen waren, die Kissen ab. Wenn auch dem Menschen angepasst, so ist der Stuhl mit seinen vier Beinen, Ziegenfüßen oder Löwentatzen doch andererseits ursprünglich auch ein Tier – ein Reittier. Goethe pflegte in seinem Gartenhaus zu Ilmenau auf einem Stuhlbock mit Sattel zu dichten.
Die Gattungsbezeichnung Möbel (von lat. mobilis) erinnert an die prinzipielle Beweglichkeit des Stuhls, die er in einer Sonderbarkeit, im Tragstuhl – der Sänfte – noch im 18. Jahrhundert praktisch unter Beweis stellte. Der wurde von vornehmen Damen und hohen Geistlichen für kürzere Wege benutzt, in Italien sogar auf Gebirgspfaden. Wenn man jemandem einen Stuhl anbietet und zum Sitzen einlädt, räumt man ihm einen festen Platz ein.
Wer Platz genommen hat, gibt damit zu erkennen, dass er nicht so bald weggehen wird – im Unterschied zu denen, die stehen bleiben oder stehen bleiben müssen und damit immer im Aufbruch begriffen scheinen. Daher der Ausdruck „stante pede“, das heißt „stehenden Fußes“ im Sinne von „sofort“. Sitzen zu dürfen bedeutet, einen Platz gefunden zu haben, sei es im Wartezimmer oder bei Hofe – man hat sich etabliert.
An den Sitzen so manchen Kirchengestühls sind die Namen der Familien eingetragen, die dort einen ständigen Platz haben. Der Stuhl bedeutet Besitz. Man sitzt mit seinem ganzen Gewicht auf dem, was einem gehört, ist sesshaft, hat einen Wohnsitz oder Alterssitz. Insofern der Stuhl (obwohl ein Möbel) einen festen Sitz bedeutet, bezeichnet er als „Heiliger Stuhl“ die Institution der katholischen Kirche in Rom.
Ein erhöhter Stuhl ist der Thron. Afrikanische Häuptlingsthrone machen deutlich, was das heißt: Der Sitz wird von Menschenleibern gestützt beziehungsweise erhebt sich auf den Rücken der Untertanen. Der Ausdruck „Untersassen“ gibt eine Ahnung davon. Der Vorsitzende (vgl. Präsident) heißt im amerikanischen einfach chair.
Am französischen Hof war es nur den Damen der Granden gestattet, sich auf Taburetts um den König zu scharen. Diese Ehre wurde hart umkämpft. Zu sitzen bedeutete dazuzugehören. Bei Gesellschaften wird mit einer durch Tischkarten festgelegten Sitzordnung eine Hierarchie hergestellt: Die Bevorzugten sitzen zur Linken und zur Rechten der Hauptperson oder dieser direkt gegenüber. Die Sitzlandschaften der 70er-Jahre waren mehr als eine Mode, denn sie richteten sich – antiautoritär wie so vieles in jener Zeit – gegen eine feste Sitzordnung: ein demokratisches Sitzen.
Eine Sonderform des Stuhls ist der Kackstuhl – übrigens wie das Wort „kacken“ selbst, das sich von griechisch kakós (schlecht) herleitet, ein grundseriöser Ausdruck. „Stuhlgang“ erklärt sich als Gang zu diesem Stuhl.
Schnitzereien, Verzierungen weisen auf die Wichtigkeit des Stuhls in seiner Funktion als Erhöhung hin – und damit auch auf den Rang dessen, der darauf Platz nimmt. Ein Hocker dagegen ist eine Sitzgelegenheit ohne Lehne, also gerade desjenigen Teils, welcher der Muße dient und damit ein Zeichen der Herrschaft ist. Der Hocker ist ein Arbeitsmöbel für Mägde und Knechte und der Elektrische Stuhl eine Perversion, weil er als Stuhl – als Ausdruck der Erhöhung des Menschen – dessen größter Erniedrigung dient.

(The fountain)

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Immer aus dem Vollen schöpfen
Mag die Fontäne auch eine Metapher des Überflusses sein, so ist der Überfluss rein technisch doch ein Fake: Die Fontäne speist sich nicht aus einer nie versiegenden Quelle wie etwa unser Trinkwasser, sondern stets aus derselben trüben Brühe. Eine kleine Kulturgeschichte des Springbrunnens

Schatten und Wasser sind im Sommer für die in der Großstadt Daheimgebliebenen ein kostbares Gut. Aber wo gibt es Wasser mitten in der Stadt? In den Brunnen, an deren Rändern die jungen Leute sitzen und ihre Füße kühlen. Die so genannten Zierbrunnen wurden einst von der Bürgerschaft oder wohlhabenden Großbürgern zum Schmuck ihrer Stadt gestiftet, ausgestattet mit symbolischen Figuren, deren Bedeutung bald niemanden mehr interessieren sollte.
Wichtiger ist das Wasser selber, das oft in einer Fontäne gebündelt in die Luft schießt, um sich klatschend und spritzend in das Becken zu ergießen. Die Fontäne ist eine besondere Art von Wasserspiel, das – wie das Feuerwerk – einst ein Hauptspaß des lustvollen Rokokos war. Was sie ausdrückt, ist wortwörtlich der Überfluss. Die Lebensfreude der adligen Rokokomenschen, deren Maxime im Gegensatz zum frühbürgerlichen Sparen das Verschwenden war, bestand stets darin, aus dem Vollen zu schöpfen. Natürlich auf Kosten anderer. Als reich und mächtig galt der, der sein Hab und Gut verschleuderte und es nicht für nötig befand, die Schneiderrechnungen zu bezahlen. So versinnbildlicht die Fontäne die nie versiegende Potenz – selbstredend des herrscherlichen Mannes – als Symbol des Überflusses, wohlverstanden auch von dem zur Macht gelangten Bürgertum, das nun selber an der demonstrativen Verschwendung Gefallen fand. In der Belle Époque, der großen Zeit der Bourgeoisie bis zum Ersten Weltkrieg, spritzten die Bonvivants in den Séparées den Champagner in das Dekolleté ihrer Damen. Heute spritzen nur Rennfahrer aus der Magnum-Flasche. Honni soit qui mal y pense.
Ist also die Fontäne eine Metapher des Überflusses, so ist der Überfluss doch ein Fake: Die Fontäne speist sich nicht aus einer nie versiegenden Quelle wie unser Trinkwasser, sondern stets aus derselben Brühe, in welcher die Touristen ihre Füße gekühlt haben. Wer davon trinkt, fällt sofort um. Ja, aber trinken wollen wir auch. So erinnern wir uns, wie kostbar das Trinkwasser in der Stadt war und ist, da es über riesige Aquädukte in die städtischen Brunnen eingespeist wurde oder in vergrabenen Leitungen von weit her gepumpt wird.
In Venedig, wo man das Regenwasser notgedrungen in Zisternen sammelte, musste das Trinkwasser auf der Brenta zu Schiff herbeigeschafft werden – bis die österreichischen Besatzer Fernleitungen legten. „In Paris kauft man das Wasser“, schreibt Louis-Sébastien Mercier in seinem 1781 veröffentlichten „Tableau de Paris“, das als die bedeutendste Beschreibung der modernen Großstadt vor der Revolution gilt. „Die öffentlichen Brunnen sind so selten und so schlecht instand gehalten, dass man auf das Flusswasser zurückgreift. Kein Bürgerhaus ist mit ausreichendem Wasser versorgt. Zwanzigtausend Wasserträger steigen von morgens bis abends mit zwei Eimern vom ersten bis zum siebten Stock. Ist der Fluss trübe, trinkt man trübes Wasser.“
Trübe? Kann man wohl sagen. Denn auch die Fäkalien wurden in die Seine geleitet – „und verseuchen die Ufer, wo die Wasserträger morgens mit ihren Eimern das Wasser schöpfen“. In London, schrieb der junge Engels, war das Wasser schwarz von Ruß. „Königswasser“ hieß das nicht von Fäkalien verunreinigte Wasser. In vielen Städten vermischten sich die Fäkalien unterirdisch mit dem Wasser der Brunnen, eine Ursache der furchtbaren Epidemien – bis im 19. Jahrhundert schließlich eine Kanalisation gelegt wurde, die es im Altertum in Rom längst gegeben hatte, und die Häuser an Wasserleitungen angeschlossen wurden. Als ein Wunder bestaunte nach einer gern kolportierten maliziösen Geschichte ein junger „Iwan“ 1945, dass Trinkwasser aus der Wand floss. Er soll den Wasserhahn abgeschraubt und seiner Mutter als Geschenk mitgebracht haben – in der Hoffnung, dass das Wunder sich in der Bauernkate wiederhole. Aber ist die Geschichte nicht eher poetisch? Eben weil sie das Trinkwasser in der Stadt als das erkennt, was es ist: ein Wunder. Im Wasserkreislauf der Fontäne entpuppt sich nun aber der feudale Überfluss als bürgerliches Sparen. Oder bürgerliche Sparsamkeit gibt sich den Anschein der Verschwendung. Doch ist es gleichgültig, ob die Verschwendung echt ist oder nicht – wichtig ist die Metapher, nämlich den Eindruck zu erwecken, als handele es sich um einen nie versiegenden wunderbaren Wasserluxus. Eine Inszenierung, im Rokoko war ja alles inszeniert.
Während man dösig solchen Gedanken nachhängt, macht es einen gewaltigen Platscher. Großes Gekreisch: Mitten durch das runde Brunnenbassin wälzt sich prustend und spritzend etwas rosafarbenes, großes Nacktes, ein Kerl, der jetzt über den Brunnenrand klettert, sein Hinterteil zeigt und dann erstaunlich schnell davonwetzt. Ein „Flitzer“, tatsächlich, es gibt sie noch, die mutigen Jungs, die splitternackt durch die Fußgängerzone sprinten. Ein Mädchen, die Freundin vielleicht, fährt ihm auf dem Rad Hose, Hemd und Sandalen hinterher. Alle lachen, frecher Kerl! Aber nun wollen alle kleinen Jungs es ihm nachtun. Keiner kann sie mehr halten, und es beginnt eine gewaltige Wasserschlacht. Mitten in der Stadt. Nur ein kleiner Woody-Allen-Typ darf nicht mittun – wegen seiner Brille. Er schießt hin und wieder mit seiner Wasserpistole, die wie ein Delphin aussieht. Gewünscht hat er sich aber eine Maschinenpistole, so groß wie die von Terminator Schwarzenegger.

 

(Faithful owner)

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Treulose Herrchen
Urlaub mit Hund: schwierig. Mit Hund daheim: traulich. Kleine Kulturgeschichte der Hund-Mensch-Beziehung

Der Hund: ein treuer Gefährte der daheim Gebliebenen. Wer im Sommer nicht verreisen kann, hat wenigstens seinen Hund. Aber wer verreist und seinen Hund mitnehmen möchte, stößt oft auf Unfreundlichkeiten. Denn in manchen Hotels, Pensionen und Ferienhäusern „dogs are not allowed“. Es gibt sogar Schilder, die einen rot durchgestrichenen Hund zeigen. Die Grenze mancher Länder darf man mit einem Hund nur dann passieren, wenn er geimpft ist. Im Prag der alten Donaumonarchie gab es Hundefänger wie den Schwejk, der Hunde klaute und gegen Geld zurückerstattete. Oder schlimmer: Hunde gelten in manchen Ländern als unrein – etwa in Arabien. Zu Kemal Atatürks Zeiten wurden in Istanbul eingefangene Hunde auf eine vorgelagerte Insel ausgesetzt, wo sie sich gegenseitig auffraßen.
Noch schlimmer: In China werden bestimmte Sorten gemästet und von Gourmets verspeist. Und die grotesken Nackthunde, die man dort züchtet? Man soll über sie lachen, wie man früher über Zwerge gelacht hat. Die Aversionen asiatischer Kulturen gegen den Hund sind alt. Als im 16. Jahrhundert mit den rotbärtigen holländische Seeleuten und schwarzhaarigen Portugiesen die ersten Abendländer japanischen Boden betraten, erschraken die Einwohner besonders über deren Tierähnlichkeit, denn noch niemals hatten sie derart behaarte Menschen gesehen. „Mit Erstaunen und Abscheu wurde registriert, welche große Rolle die verachtete Rasse der Hunde im Leben der Europäer spielte. Die Intimität zwischen ‚Rothaarigen‘ und Hunden ließ auf eine bestialische Verwandtschaft schließen. Im Volk hielt sich der Glaube, dass die Männer aus dem Westen ein Bein heben müssten, wenn sie urinierten, und dass sie in ihren Hosen buschige Schwänze versteckten.“ (Frank Böckelmann: „Die Gelben, die Schwarzen, die Weißen“)
Doch was die in Familien eng beisammenwohnenden Asiaten offenbar nicht verstanden, war die soziale Bedeutung des Hundes. Schon im 1781 schrieb Louis Sébastien Mercier in seinem „Tableau de Paris“: „Dazu [zu der großen Menge der Pariser] kann man noch mit zweihunderttausend Hunden rechnen. Kein Bedürftiger, der nicht noch in seiner Dachkammer einen Hund hielte zu seiner Gesellschaft. Einer, der sein Brot mit diesem treuen Hausgenossen teilte, wurde befragt; man hielt ihm vor, er koste ihn zu viel und er müsse sich von ihm trennen. ‚Ich mich von ihm trennen!‘ gab er zur Antwort, ‚und wer wird mich dann lieb haben?‘“ Mag der Hund auf dem Lande zum Bewachen und Jagen dienen, in der großstädtischen Kleinwohnung ist er ein Liebling. Die Einsamkeit in der Großstadt, der Mangel an sozialen Kontakten ist ein Grund, mit einem Hund zu leben.
Dass Hunde Spielzeug und menschenwürdige Kost erhalten, kleine Wintermäntelchen und Zahnspangen tragen, krankenversichert sind und in Särgen begraben werden, ist nur konsequent. Sex mit Hunden? Selbstverständlich, den gibt es auch. Die beliebteste Eigenschaft dieses Tiers ist seine Anhänglichkeit: es kann sein „Herrchen“ oder „Frauchen“ nicht „menschlich enttäuschen“. Man liest von Hunden, die zur Urlaubszeit an einer Tankstelle vorsätzlich vergessen werden und hunderte von Kilometern zurücklegen und gar Flüsse durchschwimmen, nur um ihr treuloses „Herrchen“ wiederzufinden.
Darum sagen Hundefreunde, Hunde seien besser als Menschen. Denn sie sind treu, geben keine Widerreden und haben doch ein richtiges Gesicht. Und wie Hunde sich auch in den schlechten Zeiten freuen können! Zudem kann man im Park mit anderen daheim Gebliebenen unverbindliche Gespräche anknüpfen. Auf den Hund gekommen, nein, das war Diogenes in der Tonne. Er befriedigte die wenigen Bedürfnisse, die er noch hatte, auf der Straße wie ein Hund. Und der Kyniker war stolz auf seine Hundigkeit.

(The shadow)

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Negation des Lichts
Ehre, wem Ehre gebührt, gerade an heißen Sommertagen – eine kleine Kulturgeschichte des Schattens

Die Sonne ist in den nördlichen Ländern kostbar, in den südlichen ist es der Schatten. Wir liegen in der geografischen Mitte und haben es mit dem Wetter mal so, mal so. Bei nahezu 40 Grad hätten es sogar die Sonnenhungrigsten nun gern ein wenig dunkler. In der Stadt bewegt man sich behutsam von Schatten zu Schatten und weicht den Sonnenpartien aus wie sonst den Pfützen.
Im Süden gibt es Schatten in den alten Laubengängen Paduas oder in den hohen Arkaden Turins. Und in den Alleen, die einst für die offenen Kutschen angelegt worden waren. Schirme heißen ombrello: kleiner Schatten.
Doch wird der Schatten, wo er mit Dunkel und Finsternis gleichgesetzt wird, etwas Schlechtes oder Trauriges. Denn er ist die Negation des Lichts, das schon bei Juden und Christen als Zeichen der Gegenwart Gottes gegolten hat und seit der Aufklärung, dem siècle des lumières oder dem illuminismo zum paradigmatischen Begriff wurde. Alle mittelalterlich düsteren Geisteswinkel sollten ausgeleuchtet werden, in welchen lemurenhaft der Aberglaube nistete.
Im negativen Sinn sagen wir: Ein Schatten fällt auf eine Sache oder jemand steht im Schatten eines anderen oder man lernt die Schattenseiten des Lebens kennen. Die Schattenseite impliziert die Existenz einer Lichtseite und besagt damit etwas über die ungerechte Verteilung der Lebenschancen. Man spricht von einer Schattenwirtschaft und meint damit die Schwarzarbeiter, die so heißen, weil sie im Dunkeln arbeiten, dort, wo man sie als solche nicht erkennt. Das gilt auch für den, der dunkle Geschäfte macht. „Schattenmenschen“ werden Einwanderer ohne Papiere genannt, die sans-papiers.
Dante erschrak, als er bemerkte, dass Vergil, der ihn durch das Totenreich geleitete, keinen Schatten warf. Denn der Schatten haftet an allen Lebewesen und Dingen. Wer keinen Schatten hat, existiert nicht als Körper. Bedrohlich kann der herannahende Schatten sein, wenn er an die ewige Finsternis erinnert oder von einem ungeheuren Gegenstand herrührt – etwa die furchtbaren Raumschiffe in Emmerichs Film „Independence Day“.
Je mehr Licht, umso schärfer wird der Schatten. Er wandert mit der Sonne, er bewegt sich. Dies gibt ihm eine mitunter unheimliche Lebendigkeit, besonders dann, wenn man nur den Schatten, nicht aber die Person oder das Ding sieht, welche den Schatten wirft. So kündigt er ein Unheil an, wie etwa auf dem Cover altmodischer Horrorromane.
Das flackernde Kerzenlicht vergangener Tage warf wilde und verzerrende Schatten an die Wand und steigerte so die Unheimlichkeit. Nicht nur die Beweglichkeit, auch die Veränderlichkeit des menschlichen Schattens, der sich bizarr auseinander und zu einem Fleck zusammenziehen kann, ist verdächtig, weil er einerseits so eng am Menschen hängt, als sei er ein Teil von ihm, und andererseits doch so selbstständig scheint.
Die schräge Abendsonne verlängert den Schatten und zieht einem die Schattenbeine lang über das Pflaster hin. Der Schatten klebt. Daher kann man nicht „über seinen Schatten springen“. Auf einem berühmten Bild von van Gogh schleppt der Maler seinen Schatten über einen heißen Weg. Man erinnert sich an Chamissos Geschichte von Peter Schlemihl, der seinen Schatten dem Teufel verkaufte. Todunglücklich wälzte er sich dann in seinem Gold wie einst der verrückte Kaiser Caligula. Es gibt düstere Charaktere, die nie lachen – hell (sic!) lachen.
Der Schatten heftet Dinge und Menschen an den Boden und verleiht ihnen sichtbar Gewicht und Volumen. Noch das Flugzeug wirft seinen Schatten auf die Erde und bleibt ihr so verhaftet. Bei Giotto, der doch dafür gerühmt wird, auf seinen Fresken den Menschen als Erster (um 1300) ihre irdische Schwere verliehen zu haben, findet sich kein einziger Schlagschatten. In der frühen, ikonografisch festgelegten Malerei hat man den Schatten als Naturphänomen ignoriert. Im Code der Bildersprache hatte er keinen Platz.
Erst mit der Entdeckung der Perspektive und der wissenschaftlichen Freude an der Abbildung der Natur wird auch dem Schatten Gerechtigkeit zuteil. Es ist die Schattierung, welche die Dinge körperhaft erscheinen lässt. Steht die Sonne im Zenit, wird die Welt flach – wie jeder Fotograf weiß.
Der Schatten gilt als schwarz – was er nicht ist. Erst spät fanden die Maler heraus, dass der Schatten farbig und verschiedenfarbig ist. Bei Vermeer gibt es Schatten in gestaffeltem Blau.
Es macht Freude, sich bei brennender Sonne im kühlen Schatten des Schattens zu erinnern und über das selbstverständlich Gewordene nachzudenken. Ist das bei aller physikalischen Erklärbarkeit doch so geheimnisvolle Phänomen ins Bewusstsein gerückt, sieht man überall Schatten, die man sonst nicht wahrnimmt, weil sie abgeleitet sind und darum als zweitrangig gelten.

(The Balkony)

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Das intime Draußen
Vom Strukturwandel in der Öffentlichkeit Balkoniens: Einst Stilelement des bürgerlichen Lebens, heute Schauplatz des heimatlichen Sommerurlaubs – eine kleine Kulturgeschichte des Balkons

Auf Balkonien wachsen zwar keine Palmen, dafür aber Petunien und Geranien. Das Meer? Nun, zum Strand ist es tatsächlich etwas weiter als 200 Meter. Das Schwimmbad? Hinten links neben der Küche ist das Bad. Natürlich kann man auch auf Balkonien braun werden. Voraussetzung ist eine hohe Brüstung, damit man nicht alles sieht.
Dies ist der springende Punkt. Der Balkon (von ital. „balcone“ und verwandt mit dem deutschen „Balken“) ist ein Zwitter, halb privat, halb öffentlich, halb im Hause, halb auf der Straße. Entstanden ist diese auf Balken, dann auf verzierten Konsolen ruhende Ausbuchtung der Fassade aus dem Bedürfnis, auch in der Höhe ins Freie treten zu können. Ein Vorläufer des Balkons ist der oft durch mehrere Geschosse gehende Erker. Dort saß bei einer Handarbeit auch die bürgerliche Hausfrau, die noch im 19. Jahrhundert – im Unterschied zu den arbeitenden Frauen – das Haus nicht ohne Begleitung verlassen durfte, und konnte hin und wieder einen Blick auf die Straße tun. Frau konnte sehen, ohne gesehen zu werden.
Dies ist ein Grund auch für die Erfindung der Theaterloge. In Paris, Venedig, London, Wien, Prag, Dresden, den Metropolen des 18. Jahrhunderts, war es Sitte, dass die Adligen für jede Theatersaison eine Loge mieteten. Und in diesen abgedunkelten kleinen Höhlen benahm man sich einerseits ganz intim und konnte andererseits doch dem Schauspiel auf der Bühne folgen. Als besonders schick galten Logen mit Esstisch und Alkoven. Dabei ist so mancher Hühnerknochen im Parkett gelandet. Roberto Gervaso beschreibt die Verhältnisse in den Theatern von Venedig: „Denn von den Rängen, wo die Adligen saßen, regnete es Kerzenstümpfe, Tomaten, faule Äpfel, Spucke und sogar Exkremente ins Parkett“, wo sich das Volk aufhielt, das sich in der Dunkelheit kräftig revanchierte.
In dem Maße, wie die Oper im 19., dem bürgerlichen Jahrhundert zu einem hellen, wohlanständigen Ort wurde, wo die Reichen, Mächtigen und Vornehmen auch zu repräsentieren wünschten, wölbte sich die ehemalige Loge neobarock in den Zuschauerraum. Und wurde zum Balkon. Nun ging es auch ums Gesehenwerden. In den Pausen richtete sich das Opernglas ungeniert von einem Balkon zum anderen. Hatte man einander erkannt, verbeugten sich die Herren von Rang, und es nickten die Damen von Stand. Die Loge beziehungsweise der dazugehörige Balkon bot den Vorteil, auch unbemerkt im dunklen Hintergrund sitzen zu können und zu kommen und zu gehen, wie man wollte.
Besonders pompöse, durch herkulische Konsolen gestützte Balkons sieht man an den stuck-beklebten Fassaden der zum Ende des 19. Jahrhunderts errichteten Stadthäuser. Zu Silvester prostete man einander von Balkon zu Balkon mit Champagner zu und brachte Toasts auf das Reich aus. Während des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit wohnten auf den Balkonen der nationalstolzen Gründerjahre Stallhasen. Man lagerte dort Heu, Stroh und Brennholz und bewahrte den Rest Steckrübensuppe auf.
Der Geist des Bauhauses hatte schon in den 20er-Jahren mit den Balkonen aufgeräumt. Die bürgerliche Halböffentlichkeit war für die radikale Moderne ein Wischiwaschi, eine dekadente Ambivalenz von der Art eines Negligés. Entweder drin oder draußen, nicht Sowohl-als-auch. Alle – nicht nur die rachitischen und tuberkulösen Proletarier – sollten hinaus ins Freie, weil das gesund ist. Auch die Bourgeois sollten nicht mehr en famille auf Korbsesseln um das Teetischchen sitzen und sich an Torten fett essen, sondern alle, alle sollten ins Grüne strömen, wandern oder Freiübungen machen. Es war die Zeit, als man die Massenhaftigkeit als eine Dimension der Gesellschaft entdeckte. Der Balkon galt als Relikt der als reaktionär betrachteten bürgerlichen Repräsentationsarchitektur. Bei Gesellschaften hatte der Balkon dazu gedient, sich zu absentieren, ein intimes Gespräch zu führen, eine Dame zu bedrängen oder zu rauchen. Er war ein Stilelement bei der Inszenierung bürgerlichen Lebens.
Die Fassaden wurden in den 20er- und 30er-Jahren glatt. Die Herrschaftsarchitektur, welche den sozialen Rang der Stockwerke und ihrer Bewohner an der Fassade durch Giebel, Pilaster und Stuckaturen kenntlich gemacht hatte, war passé. Die Fenster wurden nun quer gelegt, um Licht und Luft hereinzulassen und in den kleinen, niedrig gewordenen Wohnungen keine Stellfläche zu verschenken. In den modernen Villen hatte man statt der Balkone große Schiebefenster, die den Wohnraum ins Freie öffneten, doch nach hinten. Die moderne Villa war zur Straßenseite hin abweisend, aber zur privaten Gartenseite offen. Balkone machen in ihrer Zwittrigkeit nur Sinn, wenn sie in den öffentlichen Raum hineinragen. Doch die Straßen wurden zunehmend reine Verkehrsadern und verloren die sozialen Funktionen von Öffentlichkeit.
In der Zeit des Wiederaufbaus, als man von Massenhaftigkeit die Nase voll hatte und sich ins Private zurückzog, klebte man den Häusern wieder kleine Balkons an die Fassade. Das lächerliche Accessoire sollte eine Bürgerlichkeit vortäuschen, die längst verloren war. Auch bei heutigen Neubauten dienen Balkons nur der Fassadenauflockerung. Eine architektonische oder soziale Funktion haben sie meist nicht mehr. Die kleinen Balkons der 50er-Jahre fungierten bald als Abstellplatz für Wasser- und Bierkästen, alte Weihnachtsbäume, Leitern und zum Trocknen der Wäsche. In der Innenstadt sind sie wegen des Autolärms und der Abgase kaum benutzbar.
Die Ambivalenz hat der Balkon in der Stadt verloren. Selten weist ein schräg gestelltes Sonnenschirmchen darauf hin, dass dort ein Mensch sitzt. Am heißen Nachmittag steht er irgendwann auf und geht in die Wohnung. Abends gießt er die Petunien und Geranien, bis es tropft. Dann sieht man ihn im Unterhemd sich über die Brüstung lehnen, um nachzusehen, ob der darunter liegenden Balkon etwas abbekommen hat. Dort stehen ein kaputter Fernsehapparat und ein Damenrad mit einem Platten.

(Grilling)

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Wo Fleischlappen qualmen
… da sind Männer und ihre Grillzangen auch nicht weit. Früher war täglicher Fleischgenuss den Fürsten vorbehalten, doch längst kann jeder jederzeit Fleisch essen. Gerade diejenigen, die am wenigsten Grund haben, sich als Herren zu fühlen, essen Grillgut vom Tier am allerliebsten. In freier Natur, als freie Bürger

Ein Geruch nach verbranntem Fleisch zieht durch die Stadt. Es ist Ostwind. Und es ist ein warmer Sonntag. In den Kleingärten, am Fluss, im Park und auf den Balkons wird gegrillt. Die Männer stehen vor dem heißen Rost und wenden die Fleischlappen. Hin und wieder wischen sie sich mit dem Unterarm über die Stirn. Den Spieß (oder den Wender) legen sie kaum aus der Hand. Sie sind unermüdlich. Grillen ist Männersache.
Früher hat bei uns niemand gegrillt. Man wusste zwar, dass es Völker gab, die halbrohes Fleisch essen, aber man selber aß am Sonntag vom Braten, den die Hausfrau mit einer Mehlsoße zubereitet hatte. Fleisch gab es nur einmal in der Woche: sonntags, und das „Familienoberhaupt“ bekam die größte Scheibe. Das Fleisch war nicht „englisch“, sondern durch – und man saß auf harten Stühlen um den Tisch. Das war noch in den frühen Fünfzigerjahren so. Die Pfadfinder allerdings und andere Jugendbewegte hockten mit der Klampfe draußen ums Lagerfeuer, auf dem ein Topf mit Erbsensuppe kochte, genossen lässig hingelagert die Landluft und das Zusammensein und fühlten sich frei. Sie waren den Zwängen der Stadt entkommen, wo man „anständig angezogen“ gehen musste. Auch den Zwängen der Familie, der Fuchtel der prügelnden Patriarchen war man entflohen. Und wenn sich einmal einer der freiheitlich Gesinnten ein Würstchen briet, so war es im Wortsinne ein Extrawürstchen, nämlich die Ausnahme.
Die Engländer waren stets stolz darauf, blutiges Rindfleisch zu essen und lachten über die frogs, die französischen Froschfresser, die deutschen krauts und die italienischen Spaghettifresser. John Bull wird mit roten Backen und kräftigen Waden dargestellt. Die Männer der königlichen Palastwache heißen heute noch „Beefeaters“. Kampfstarke Männer brauchen Fleisch, denn Fleisch ist blutbildend und macht – wie manche behaupten – aggressiv. Männer, die oft rohes Fleisch essen – so behaupten Veganer –, riechen aus dem Mund wie Hunde. „Tatar“ nennen wir das Gehackte vom Rind, und man weiß, dass die Tataren besonders wild und grausam waren. (Behauptet wird, sie hätten das Fleisch unter dem Sattel weich geritten.) Der sächsische Barockfürst August der Starke hieß so, weil er mit bloßen Händen Hufeisen verbiegen und Münzen zerquetschen konnte. Er aß einen halben Ochsen allein, wird berichtet, und seiner unehelichen Kinder sind ungezählte.
Noch früher, in den unsicheren Zeiten des Mittelalters, wurde wenig Vieh gehalten. Wenn es Fleisch gab, dann nur zu bestimmten Festen. Die Herren aßen Wild, da allein sie das Jagdrecht hatten. Die Treiber bekamen die Innereien. Und das Gekröse kriegten die Hunde. Doch schließlich gehörte es auch beim aufstrebenden Bürgertum zum sozialen Status, sich Fleisch zu leisten. Im Mittelalter existierten strenge Vorschriften über das Schmucktragen der Damen und das Fleischessen der Herren: Wer heimlich und zu Unzeiten Fleisch aß, etwa am christlichen Freitag, an dem Jesus ans Kreuz geschlagen worden war, wurde streng bestraft. Wer das Fleischessen am Freitag nicht lassen konnte, ließ sich das Gehackte in Fischform servieren. Hochgestellte Geistliche hatten vom Papst eine schriftliche Erlaubnis, jederzeit Fleisch essen zu dürfen, die sie schön gerahmt in ihrem Speisezimmer aufhängten.
Heutzutage kann jeder jederzeit Fleisch essen, und gerade diejenigen, die am wenigsten Grund haben, sich als Herren zu fühlen, essen Fleisch am allerliebsten. Übrigens aßen die Herren nicht nur gern Fleisch, sondern auch möglichst fettes Fleisch. In allen Kulturen waren die Reichen fett, und ein beleibter, auf stämmigen Beinen heranwuchtender Herr mit bluthochdruckrotem Kopf galt als „stattlich“, ein Ausdruck, der Reichtum und Schönheit verbindet.
Das Grillen à la Asterix und Obelix ist eines der großen Symbole der Freiheit, der Männerfreiheit. Draußen – nicht am bürgerlichen Tisch, wo man mit Messer und Gabel und womöglich noch mit Serviette essen muss, „wie es sich gehört“ –, draußen, und wenn es nur der Kleingarten oder der Balkon ist, wendet der freie Mann sein großes Stück Fleisch mit einem archaisch groben Werkzeug. Der freie Mann ist der Herr seiner selbst.
Aber er hantiert am Grill, der oft das Aussehen einer Opferstätte hat, nicht für sich allein. Auch die andern sollen, ja müssen vom Fleisch essen, die Freunde, Kollegen, Kameraden und Genossen, auch die Familie, aber nach den derben Regeln des Grillens. Das Grillen ist ein Ritual mit der Funktion, die alle Rituale haben: eine Gemeinschaft zu bilden und zu festigen. Das gemeinsame Verspeisen von Tieren – und vor Zeiten, als Kannibalismus noch verbreitet war, auch von erschlagenen Feinden – bedeutete, dass alle, die davon gegessen hatten, nun zusammengehörten und insofern gleich waren. Alle hatten ein Stück vom starken Gegner verschlungen, und seine Stärke lebte in ihnen fort. Vor Zeiten aß man auch den eigenen Großvater, um sich seine Weisheit einzuverleiben.
Es sei hier respektvoll vermerkt, dass auch der katholische Ritus des Messopfers: das Verspeisen des „Leibes Christi“ und das Trinken von „Christi Blut“ bei der Transsubstantiation in dieser archaischen Tradition steht. Durch den heiligen Akt wird in der Gemeinde die Gemeinsamkeit von Gleichen gestiftet. Die soziale Rangordnung ist während der Zeremonie aufgehoben. Das Grillen im Kleingarten ist ein Nachklang all dieser Opferbräuche. Besonders das noch blutige Steak lässt die urige Wildheit des Mannes ahnen.
Es muss blutig sein, denn nur so erinnert es, wenn auch entfernt, an den Akt des Tötens. Denn historisch gesehen ist das Grillen die Abschlussphase einer gemeinsamen Jagd. Die Jagd war Sache der Männer, weil die Frauen meist schwanger waren. Große Tiere konnten nur gemeinsam erlegt werden, solange es keine Distanzwaffen gab. Die siegreichen Männer opferten den Göttern zum Dank feierlich die besten Teile und grillten im Geiste der Gemeinsamkeit. Den Rest schleppten sie nach Haus, zu Frau und Sippe.
Das blutige Fleisch hat die Anmutung von Wildheit und Spontaneität, die Konservierung hingegen ist eher eine langsame, bedächtige Frauensache. Man grillt kein konserviertes, sondern nur (relativ) frisches Fleisch, als sei es gerade einem Mammut vom Schenkel gerissen. So gehört das Grillen ebenso zur traditionellen Domäne des richtigen Mannes wie das Jagen. Man könnte übrigens nach der verschiedenen Körperbeschaffenheit der Geschlechter männliche und weibliche Werkzeuge unterscheiden: die einen zum Stechen und Stoßen, die anderen zum Aufbewahren. Gefäße sind weibliche Werkzeuge. Die Frauen galten selbst als Gefäße, wie man etwa an präkolumbianischen Krügen sehen kann, die manchmal (Henkel-)Arme und Brüste haben.
In Europa waren die Wilddiebe einmal Volkshelden, denn sie brachen kühn – trotz Androhung der furchtbarsten Todesstrafe – das feudale Jagdrecht, um sich ein Stück Herrenfleisch zu holen. Dies Anrecht auf Fleisch, auf das, was den Mann – angeblich – stark macht und daher männlich ist, das Fleisch, das sich einst die Herren reserviert hatten, wird beim Grillen auch heute noch insgeheim genossen – auch dann, wenn die bewusste Erinnerung an die stolzen männlichen Bedürfnisse nach Stärke, Herrschaft, Freiheit und Solidarität daran längst verblasst sein mag. „Ich muss mein Fleisch haben!“ – darin steckt Saturiertheit wie Widerborstigkeit. Und auch die Verachtung für die weichlichen „Körnerfresser“. Übrigens kann man bei Paaren, die gemeinsam kochen, die Beobachtung machen, dass das Fleischzubereiten meist Sache des Mannes bleibt.
Doch haben die deutschen Grillmänner von heute, die westdeutschen Nachfahren der angepassten Sonntagsbratenesser, die im autoritären Wilhelminismus und Nationalsozialismus wenig von individueller Freiheit wussten, die Symbolik – wie so oft nach dem Zweiten Weltkrieg – von den Amerikanern übernommen. Denn das von den USA gelieferte Symbolkonzentrat ist kaum zu übertreffen. Männerfreiheit wird durch nichts eindrücklicher versinnbildlicht als durch männliche Singles, die ihre Pferde oder Offroader unter einem Baum abstellen und in einer weiten Landschaft mit bloßen Händen blutiges Fleisch essen.
Das Grillen versinnbildlicht die Zwanglosigkeit, die „herrliche“ Freiheit des richtigen Mannes: im idealen Fall wie in Marlboro Country in weiter Landschaft, die dem kontrollierenden Blick Übersicht bis zum Horizont gewährt, einer Landschaft, in der kein Weg und kein Schild vorschreibt, wohin und wie schnell man sich zu bewegen hat: Das Land wird zu Pferde oder mit dem Offroader durchkreuzt. Unter dem gestirnten Himmel sitzt man ohne Tisch und Stuhl – nicht von Wänden eingeschlossen und nicht durch die Vorschrift eingeschränkt, das Haus durch die Tür verlassen zu müssen. Die weite Landschaft bietet sich dem freien Blick dar und muss nicht ausschnittweise durch enge Fenster betrachtet werden.
Anders als die unmännliche Sitte des Picknicks, bei der vorsorgliche Frauen in wärmenden Spezialgefäßen konservierte Speisen aus Strohkoffern hervorholen, isst man improvisiert, ohne Geschirr und Besteck und ohne Serviette: Man ist frei von der Aufsicht der Frauen, die auf Umgangsformen achten; so kann man essen, wie es in den Mund passt. Die Knochen wirft man den Hunden zu, Knorpel spuckt man in die Pampa – im idealen Fall. Denn natürlich gibt es inzwischen vielfältige Aufweichungen des Kerns (nämlich: mit Frauen, mit Kartoffeln, mit Würstchen). Auch von den Beengungen der Kleidung ist man frei: Man trägt Jeans oder bei uns, wo es keine Klapperschlangen und Stinktiere gibt, gern mal kurze Hosen.
Kratzen, ausspucken und fluchen ist erlaubt. Der hierarchische Familientisch dagegen hat eine disziplinierende Wirkung: es gibt Wörter, die „bei Tisch“ nicht in den Mund genommen werden dürfen, weil sie als unanständig gelten. Es verschlägt einem den Appetit, wenn man sie hören muss, wird behauptet. Nicht so beim Grillen. Draußen, in freier Natur, kann herzhaft, das heißt unverbildet, frei weg und ehrlich gesprochen werden. Man will keine gepflegte Konservation, in der der Patriarch den Ton angibt. Man will eher schweigen. Wenige Worte mit langen Pausen, die dann à la Hemingway umso größeres Gewicht bekommen. Nicht das Reden, das „Geschwätz“, verbindet, sondern das gemeinsame Essen; nicht das Wort, sondern die Tat. Und natürlich darf auch mit vollem Mund geredet werden, was sonst als ungehörig gilt, weil es der multifunktionalen Zunge, die ja vieles kann, am gedeckten Tisch nicht erlaubt ist, Wörter mit Fleisch zu vermischen.
Die hierarchische Festtafel wurde früher in bürgerlichen und aristokratischen Kreisen, aber auch bei den alles „Höhere“ imitierenden Bürgern „aufgehoben“, das heißt, man erhob sich auf ein Zeichen der Hausfrau gemeinsam und durfte sich dann absentieren, um zu rauchen, zu plaudern oder zu spielen. Auch das Grillen ist ein Fest. Denn normalerweise isst man nicht blutiges Fleisch, sondern, sagen wir, Jägerschnitzel mit Kartoffeln. Das Grillen ist ein Fest, obwohl es kein Menü gibt mit Aperitif, Vorspeise, Dessert und Champagner. Während Feste immer möglichst üppig sind, beschränkt sich das Grillen allerdings auf halbrohes Fleisch, also auf das Beste, und zwar nicht was die Kunst der Zubereitung, sondern was den Rohstoff betrifft. Man will kein gekochtes, gesottenes, eingelegtes, irgendwie kultiviertes, sondern man will natürliches Fleisch: Zelebriert wird Natur gegen Kultur.
Grillen ist ein Antifest, nämlich gegen das Drumrum, die Form, die Etikette. Das Essen erscheint auf das Wesentliche zurückgeführt. Grillen ist puristisch. Und man kann sich fragen: Verdammt noch mal, warum ist unser Leben denn so kompliziert? Das Grillen feiert das einfache Leben unter Kameraden, Freunden und Genossen. Das Grillen ist, wenn auch ein Ritual, im Detail entschieden formlos: Man steht auf, wann man will, etwa um sein Wasser hinter einem Baum abzuschlagen oder mit einem guten Kumpel über Männerangelegenheiten zu reden: über Waffen, Pferde, Entfernungen, Geschwindigkeiten und andere Themen, die den Mann interessieren müssen, wenn er ein richtiger sein will.

(The faun)

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Pst! Er schläft
Noch liegt er da – unflätig und nackt. Der Faun, die Verkörperung der Lust, macht den Betrachter zum Voyeur

Es ist, als höre man seinen Atem. Und während man ihn still beobachtet, fragt man sich, was er wohl täte, wenn man ihn weckt. Verglichen mit der Distanziertheit marmorner Heroen ist der antike junge Mann in der Münchener Glyptothek von einer kaum zu überbietenden Präsenz. Von griechischem Profil kann keine Rede sein, seine Züge sind nicht edel, sondern eher derb, es könnte sich um einen jungen Bauernburschen handeln.
Hingegossen liegt er da – mit breit gespreizten Schenkeln. Ist das nicht skandalös? So fragte sich das Publikum nicht nur im 19. Jahrhundert. Wenn er erwachte, könnte man kaum hoffen, dass er sich schämte. Würde er, fragte sich wohl manche Dame, auf sie zustürzen, um ihr etwas anzutun? Ooh, er ist schrecklich schön! Den Herren schwante, dass dieses Ooh sich weniger auf den ästhetischen Wert des Kunstwerks als auf den Kerl selber bezog. Der Museumsführer hatte Routine: Er bat das Publikum, ein wenig zur Seite zu treten, und machte es auf die Spitze des Pferdeschwanzes aufmerksam, der – von vorn nicht zu bemerken – zwischen der linken, nackten Hinterbacke des jungen Mannes und dem Pantherfell hervorlugt. Da konnte man aufatmen. Gottlob, er ist ein Tier!
Es handelt sich um einen Faun, um den berühmteren Barberinischen Faun. Wäre er ein Mann – die Art, wie er liegt, wäre zu manchen Zeiten wirklich ein Skandal gewesen. Richtige Männer bieten sich nicht derart hingegeben den Augen anderer dar. Und weil er schläft, macht er den Betrachter/die Betrachterin zum Voyeur – mit allen Implikationen. Die Archäologen haben den so menschlich anmutenden Faun für sturzbetrunken erklärt und ihm einen entglittenen Weinbecher angedichtet, um sein „von jeglicher Rücksicht freies Sichgehenlassen“ (A. Furtwängler 1910) zu erklären und zu entschuldigen. Gleichwohl muss der frontale Blick den Faun doch unausweichlich zunächst als Mann wahrnehmen. Die Hörnchen des Fauns, die ihn sofort als Tiermenschen kenntlich machen würden, sind in seinem Lockenkopf gut verborgen. Raffiniert.
Nun, die Wissenschaftler wissen, wie Faune sind: feige, faul und friedlich. Sie sind neugierig, verspielt, albern, zudringlich und unverschämt. Sie sind musikalisch, tanzen gern und sind maßlos. Sie saufen nicht nur bis zum Umfallen, sondern sind auch in des Wortes ursprünglicher Bedeutung: geil. Sie wollen und können immer. Wundert es, dass der Faun zur Verkörperung des Bösen wurde, obwohl er als Naturwesen ebenso wenig böse sein kann wie ein Fuchs oder ein Bär? Könnte der Barberinische Faun aufwachen, so würde er fliehen und aus sicherer Entfernung Grimassen schneiden.
Faunus ist ursprünglich ein Gott der alten Kultur von Latium, der Gegend um Rom. Er ist ein Dämon, ein niederer Erdgott, Schützer von Ackerbau und Viehzucht. Seine Name leitet sich von dem lateinischen Verb favere (begünstigen) her. Die Faune sind die altrömische Entsprechung der griechischen Satyrn. Diese haben Pferdeschwänze und Pferdeohren: Es sind Pferdemenschen, und als solche sind sie mit den wüsten Menschenpferden, den Kentauren verwandt. Die Archäologen nennen sie „Mischwesen.“
Bocksbeine hat Pan, der griechische Feldgott mit dem Bocksgesicht, dessen plötzliches Erscheinen auf der Seite der Griechen dem persischen Heer einen „panischen“ Schrecken eingejagt hatte. Aber schließlich vermischt sich die Figur des Pan mit den Satyrn, die mal mit Bocksbeinen, mal mit Menschenbeinen auftreten und Spitzohren, Bockshörnchen und – wenigstens auf den Vasen – einen ausgeprägten Pferdehintern haben. Alte Satyrn sind – wie auf den Gemälden von Rubens, Jordaens und van Dyck – glatzköpfig, dickbäuchig und versoffen. Oft haben sie Stülpnasen wie Sokrates und sinnliche Lippen. Man nennt sie „Silene“, nach Silenus. So hieß der alte Erzieher des Dionysos, des unheimlichen, mädchenhaft aussehenden Frühlingsgottes der Griechen, in dessen Triumphzug außer den wilden Mänaden auch die Satyrn mittorkelten.
Die Skulptur des großen schlafenden Fauns (aus parischem Marmor), der einstmals in den Gärten des römischen Kaisers Nero am Tiber gestanden hatte, wurde bei den Umbauten gefunden, die Papst Urban VIII. Barberini in den Jahren 1624 bis 1641 an den Befestigungsanlagen der Engelsburg vornehmen ließ. Barberini ließ die überlebensgroße Statue in den Palast seiner Familie am Quirinal bringen, wo sie größte Bewunderung erregte. Der große Bildhauer des Barocks Gian Lorenzo Bernini, dem wir unter anderem die „Verzückung der Heiligen Therese“ verdanken, die die Hingabe der Heiligen an einen Engel darstellt, ergänzte auf Geheiß des Papstes das ganze rechte Bein und den linken Unterarm. Doch aus Respekt vor dem unbekannten antiken Meister vervollständigte er den Torso nur in Gips – in der Hoffnung, dass sich die originalen Teile noch finden würden.
150 Jahre nach dem Fund hatte ein gewisser Vicenzo Piacetti, Bildhauer und Kunsthändler von Beruf, der Barberini-Familie die Statue abgekauft, schlug den Gips ab und ersetzte die Glieder in Marmor. Er wollte ein gutes Geschäft machen. Als nun der kunstsinnige Kronprinz Ludwig von Bayern im Jahre 1805 nach Rom kam, um für seine Sammlung einzukaufen, war er von der Skulptur so beeindruckt, dass er sie unbedingt besitzen wollte.
Die Verhandlungen waren zäh und zogen sich bis 1816 hin. Erst drei Jahre später im November wurde die mit dem päpstlichen Siegel versehene Kiste auf einem von neun Maultieren gezogenen Wagen schließlich über die Alpen geschleppt. Bei jeder größeren Steigung mussten zusätzlich Ochsen vorgespannt werden. Nach fast sechswöchiger, abenteuerlicher Fahrt war der Zug endlich in Kufstein angelangt. Aber ach: Der Faun war zu schwer für die Brücke über den Inn. Eine Notbrücke musste errichtet werden – ganz wie zum Übergang der Artillerie.
In den vatikanischen Museen gibt es – als römische Kopien griechischer Skulpturen – eine große Sammlung von Faunen, darunter eine nach Praxiteles (400 A. D.) der so lässig dasteht wie James Dean, ein anderer sieht aus wie Elvis. Dort steht auch der Marsyas des großen griechischen Bildhauers Myron (500 A. D.), der eine Kuh geschaffen hatte, die so lebendig aussah, dass sie die Stiere besprungen haben sollen. Er ist Teil einer Zweiergruppe mit Athene.
Im Garten des Frankfurter Liebighauses ist eine bronzene Reproduktion zu bewundern. Marsyas ist der einzige Satyr, der es außer Silenus zu andauernder Berühmtheit gebracht hat. Der Marsyas des Myron ist in dem Augenblick festgehalten, da er heranspringend mit dem Fuß nach der Doppelflöte, den Auloi, tastet, die Athene wütend fortgeschleudert und verflucht hat. Wütend, weil alle Götter lachten, als ihr beim Hineinblasen die Backen anschwollen.
Der Faun schnappte sich also die Flöte und verstand es bald, alle Welt mit seiner wilden, ekstatischen Musik zu berauschen. Vermessen forderte er Gott Apoll zum Wettstreit heraus. Während Marsyas auf der Flöte leidenschaftliche Melodien blies, entlockte Apoll, Gott der Rationalität und einer rationalen Ästhetik, der Lyra mathematisch nachvollziehbare Sphärenklänge.
Ins Heutige übertragen, spielte der Faun eine Art folkloristischen Jazz und der Gott Bach’sche Fugen. Es ging also um den Widerstreit zwischen irdischer Leidenschaft und göttlicher Rationalität. Es wurde ausgemacht, dass der Gewinner des Wettstreits mit dem Verlierer tun könne, was er wolle. König Midas, der schon einmal den Silenus mit Wein dazu überlistet hatte, ihm Zugang zum Naturwissen der Satyrn zu verschaffen, wurde zum Schiedsrichter bestellt. Doch Midas war von der faunischen Musik so entzückt, dass er sich anschickte, den Marsyas zum Sieger zu erklären. Da aber ließ Apoll, der als Gott ein schlechter Verlierer war, dem Schiedsrichter Eselsohren wachsen und ließ dem Marsyas als Strafe für seinen Größenwahn die Haut abziehen. Die Arbeit des Schindens musste ein Sklave vom Stamme der grausamen Skythen besorgen, der den Faun an den Handgelenken an einem Baum aufhängte und dann sein sichelartiges Messer schliff. Der aufgehängte Marsyas (Rom, Paris, Florenz, Mannheim), so lebensnah gestaltet, dass man ihn stöhnen zu hören glaubt, gehört zu den eindrucksvollsten Skulpturen des Hellenismus. Es existieren zwei Versionen: Der so genannte weiße Marsyas scheint sich seinem Schicksal zu ergeben, der rote Marsyas dagegen bäumt sich auf.
Die Körperhaltung des Ersten erinnert an die Jesu, die des Zweiten an die der Schächer. Der Schinder ist unter dem Namen „Schleifer“ berühmt (arrotino). Er hockt beim Messerschleifen auf dem Boden, den Kopf leicht erhoben, als lausche er dem Stöhnen des Marsyas. Die Figur ist so perfekt, dass man sie lange für ein Werk Michelangelos gehalten hat. Es dauerte lange, bis die Archäologen herausfanden, dass die Figur des Marsyas und des arrotino einst eine Gruppe gebildet hatten – aber sie werden noch immer getrennt ausgestellt.
Aber was hat der Mythos zu bedeuten? Und was geht’s uns an? Ovid, der in seinen „Metamorphosen“ die Geschichte des Marsysas erzählt, lässt ihn ausrufen: „Quid me mihi detrahis?“ (VI,385), das heißt: „Warum entreißt du mich mir selbst?“ Die Wissenschaft ist sich über die Bedeutung der Worte einig: Damit werde gesagt, dass die irdische Hülle unter Schmerzen abgestreift werden müsse, um zu einer höheren Erkenntnisform zu gelangen.
Die Schindung des Fauns gilt als Symbol der Katharsis, der Läuterung. Anders gesagt: Um sich zu vergeistigen, muss das Naturwesen aller Lust und alles Lustigen entsagen. Freudianisch gesprochen, handelt es sich um den schmerzhaften Sieg des Realitätsprinzips über das Lustprinzip.
Nach alten Berichten sollen die Satyrn mitunter auch im Heere mitgezogen sein. Sie machten dabei hauptsächlich Lärm und hauten ab, wenn es ernst wurde. Es sind Maulhelden, und sie bilden in der griechischen Tragödie den Chor. Am liebsten liegen sie in der Sonne und kraulen sich den Bauch.
Doch sind sie sofort auf den Beinen, wenn es was zu sehen gibt. Oft „entdecken“ sie – im Wortsinn – ein Mädchen: Sie ziehen nämlich der Schlafenden die Decke weg, um sie genauer betrachten zu können. So sieht man auf einem Gemälde von Piero di Cosimo (1462–1521) in der Londoner National Gallery einen zarten Satyr, mit Spitzbärtchen neben einer wie schlafenden Nymphe knien, die, nach einer blutenden Halswunde zu schließen, tot ist. Der Pfeil eines Jägers mag sie gestreift haben.
Auf einem Bild des Botticelli (1445 bis 1510) (National Gallery) sieht man mutwillige Fäunchen mit dem Helm und der Lanze von Kriegsgott Mars Unfug treiben, den auch das riesige Muschelhorn nicht aufwecken kann, wo doch Venus in verführerischem Negligee der tätigen Liebe ihres Gatten harrt. Die Zudringlichkeit der Satyrn ging so weit, sogar die Göttermutter Hera zu belästigen. Aber Herkules konnte sie rechtzeitig verscheuchen.
Wie gesagt, sind sie stets lüstern. Auf den griechischen Vasen laufen sie immer mit erigiertem Penis herum. An Menschenfrauen wagen sie sich selten, aber sie treiben es mit den Nymphen. Und da diese sich nicht allzu heftig wehren, nennt man sie „nymphoman“. Im Museum Kassel-Wilhelmshöhe gibt es die Zeichnung eines Fauns, der verzückt ein großes Gefäß umklammert, in das er sein Ding gesteckt hat.
Viele Skulpturen zeigen die Faune ausgelassen tanzend, betrunken und den Saft zerdrückter Trauben schleckend. Eine besonders schöne Figur, die – wie auch der arrotino – in der Tribuna, dem Innersten der Florentiner Uffizien, einen Ehrenplatz einnimmt, heißt „Tanzender Faun“: Er tritt mit dem rechten Fuß eine blasebalgähnliche Fußklapper und schlägt dazu hingebungsvoll die Zimbeln. Sein Körper ist vom wilden Rhythmus geschüttelt.
Die Satyrn, so schreibt Dieter Blume 1985, „vertreten die Naturkräfte, die ungebändigten Triebe, die vollkommen dem Irdischen verhaftet sind und die von der Möglichkeit des menschlichen Geistes, dem Kreislauf von Werden und Vergehen zu entkommen, ausgeschlossen sind.“
Um 1500 wurden in der Paduaner Werkstatt des Andrea Riccio Bronzen von Faunen aller Art gegossen. Kein studiolo eines Renaissancefürsten oder eines humanistischen Gelehrten, das nicht auch ein gefesselter Faun zierte, der dem Denker ergeben ein Tintenfass oder eine Kerze halten musste. Die beherrschten Triebe standen in Diensten des Geistes. Während der Humanismus der Renaissance sich darauf beschränkte, das Naturwesen zum Knecht zu degradieren, ging die asketische Kirche, der das irdische Leben nur als ein Jammertal vor der Pforte des Paradieses galt, einen Schritt weiter: Sie machte den Faun zum Bild des Teufels.
BURKHARD BRUNN, Jahrgang 36, ist Soziologe, freier Autor und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main. Der Text über den Faun gehört zu seiner Reihe „Der richtige Mann“