Engel

"Das ist ein hübscher Engel!" ruft die Kleine und deutet auf die splitternackte Porzellanfigur.
"Nein, das ist kein Engel!" erwidert die Tante bestimmt.
"Aber er hat doch Flügel!"
"Ein Engel benimmt sich nicht so!" antwortet die Tante, die sich durch die Flügel nicht irritieren läßt. Die Tante hat recht: Engel sind zwar nackt - übrigens nur die kleinen -, aber sie schießen auf keinen Fall Kobolz.
Die beliebtesten Engelchen sind heute die beiden mit den aufgestützten Armen, die ein wenig skeptisch von unten her der auf Wolken schwebenden Sixtinischen Madonna zuschauen (Raffael, Gemäldegalerie Dresden). Auf einem Poster halten sie Kaffeetassen in der Hand. In der sienesischen Malerei des Trecento flattern die Paradiesvöglein noch ohne Unterleib herum und erinnern mit ihren langen, am Kopf ansetzenden Flügeln an Schwalben. Ein Jahrhundert später umschwirren sie scharenweise verganzkörpert und unten ohne die heilige Handlung - etwa bei Corregio. Im Unterschied zu ihren großen, stets würdevoll bekleideten Artgenossen, welche an der Handlung teilnehmen wie der gewaltige Verkündigungsengel oder die dienstbaren Engel, welche die Seelen in den Himmel emporheben, sind diese kleinen nur heiteres Dekor. Sie dürfen Schriftrollen und Kerzen halten, Vorhänge raffen oder Blumen streuen. In Schwärmen auftretend vermitteln sie eine heiter-liebliche Atmosphäre. Wie heiter auch immer, Kobolz schießen sie nicht, und sie strecken dem Betrachter nicht den Po entgegen.
Solche Schamlosigkeiten leisten sich nur Amoretten oder Eroten, die im Hellenismus erfunden wurden und besonders in der Kunst des Barock und des Rokoko immer dann zugegen sind, wenn Liebe in der Luft liegt. Als Vervielfältigungen des kleinen Amor, darum männlich, aber ohne Köcher und Pfeil, umspielen sie die Liebespärchen. Ihr kindlicher Körper steht für Unschuld. Daher wissen sie nicht, was gut und böse ist, und dürfen neugierig, mutwillig und ungeniert nackt sein und Kobolz schießen. Sie sind amoralisch, schamlose Lustvöglein ohne die Probleme des Sündenfalls. Alles ist ihnen erlaubt, was der Moralkodex den irdischen Erwachsenen verbietet.
Die Eroten necken die Verliebten, wenn sie an den verhüllenden Schleiern zupfen, und spornen sie an. Die Amoretten verweisen auf die Freiheiten der Liebe, auf eine anarchische, spielerische Gegenwelt. Sie treiben allen möglichen Unfug. Die Flügel kennzeichnen sie als nicht ganz von dieser Welt: Eroten sind wie die Engel Zwischenwesen, die zwischen Himmel und Erde hin- und herfliegen und zwischen den Göttern und den Menschen vermitteln. Nicht erdgebunden und von zweifelhafter Realität, entschwinden sie schnell. So deuten sie das Unbeständige der Verliebtheit an.
"Putten" werden die Kindlein ohne Flügel benannt. Doch ist diese Sprachregelung nicht streng. Wie sollte sie auch angesichts ihres übermütigen Gegenstandes. Es gibt also Putten mit und ohne Flügel. Von den Eroten unterscheiden sie sich eben dadurch, daß sie in anderen Themen auftauchen. Es gibt auch bekleidete und verkleidete Putten, wie man sie etwa aus den Gartenanlagen des Barock und Rokoko kennt. Sie sitzen nackt auf Terrinendeckeln und Uhrgehäusen, Spiegeln und Tafelaufsätzen. Die Aura des Zwischenwesenartigen fehlt den flügellosen Putti. Sie sind irdisch. Sie kamen in der Frührenaissance wieder auf. Donatellos und della Robbias Sänger-Kanzeln (Dommuseum Florenz) gelten als möglicher Anstoß.
In den Kleidern von Erwachsenen wirken Putti zwar niedlich, doch haben sie auch etwas von der Unschuld verloren, die durch ihre Nacktheit glaubhaft war. Schon im Rokoko findet man Putten, die kokett mit den Tüchern spielen, die ihr Geschlecht verbergen. Im bürgerlichen 19. Jahrhundert schließlich, das in der Erotik und Sexualität so verklemmt war wie kein anderes, gibt es sehr zweideutige Kinderdarstellungen. Die Figur des kleinen Mädchens, das den Rock schürzt, in welchem es Blumen trägt, und derart seine naiv gestellten Beinchen entblößt, während es den Finger der rechten Hand in koketter Nachdenklichkeit an die Lippen legt, ist ein Typ pädophiler Kitschfiguren, die mit dem mutwilligen, kobolzschlagenden, frechen Eroten nichts zu tun hat. Amoretten und Putti sind anmutig, doch nicht lasziv. Nackt und geflügelt, bleibt die Amorette lediglich Symbol.
Die Amorette sollte in der Tradition der Tischdekorationen aus Porzellan, die in Barock und Rokoko als kleines "divertimento" Anlaß für eine witzige Bemerkung sein konnten, zwischen den Gedecken herumtollen. Und je nachdem, ob ein Gast amüsiert ist oder pikiert - wozu auch das Ignorieren zählt, weiß man besser, mit wem man es zu tun hat.
Als heiterer bis ironischer Zierat zum Schönstehen waren Porzellanfigürchen nicht nur in adligen, sondern auch in bürgerlichen Haushalten beliebt. Die Motive schäkernder Liebespaare atmen die Sinnenfreude des Jahrhunderts, in dem Böttger und Graf von Tschirnhaus das von den Chinesen in Ching-te-chen seit Marco Polos Zeiten gehütete Geheimnis (das Arkanum) des echten, hartgebrannten Porzellans durch eigene Experimente entdeckten (1708). In Barock und Rokoko nahmen die Porzellanmanufakturen ihren Aufschwung, unter Schirmherrschaft der hochverschuldeten Landesfürsten, die sich mit dem "weißen Gold" eine neue Geldquelle zu erschließen hofften. Porzellan wurde den absolutistischen Potentaten der deutschen Zwergstaaten, die mit den großen französischen Louis glaubten wetteifern zu müssen, zum "nothwendigen Attribut des Glanzes und der Würde". Die Vernarrtheit in Porzellan ging so weit, daß August der Starke, der die Manufaktur in Meißen begründete, dem preußischen Soldatenkönig 600 "Kerls" für ein paar chinesische Vasen gab, in die er sich verguckt hatte. Und der Alte Fritz machte mit seiner Berliner Manufaktur Gewinn, indem er zum Beispiel jüdischen Bürgern nur dann eine Heiratserlaubnis erteilte, wenn sie für 600 Taler Porzellan kauften.
Die Porzellanfigürchen sind Multiples, niedlich klein und angenehm anzufassen, ihr Anspruch ist - im Unterschied zur Kunst - aufs Gefällige beschränkt. Sie bedienen ohne tiefere Bedeutung den Schönheitssinn. Die Bedeutungen waren oft allegorischer Art. In bewußter Oberflächlichkeit dienten die Nippesfigürchen als Intermezzo für das Auge. Ihre Motive waren oft mythologischer, mehr oder weniger erotischer Natur. Mitunter wirken die kleinen Ensembles auf modernste Weise witzig: etwa wenn der Hut des Liebhabers an der Spitze einer abstrakten Rocaille hängt und damit angedeutet ist, daß es sich bei der dargestellten Szene keineswegs um eine Abbildung der Wirklichkeit handelt.
Im Belvedere zu Weimar, von dessen Salon aus die Fürstenmutter Anna Amalia auf die Residenzstadt ihres Sohnes Carl August von Weimar hinabblicken konnte, stehen heute Vitrinen mit hübschem Porzellan. Nicht von ungefähr: Denn vermutlich befanden sich im Schloß einst auch die Versuchsräume, in denen die vom Herzog Ernst August engagierten Arkanisten dem Geheimnis des "ächten" Porzellans auf die Spur kommen sollten. Aber es wurden nur Fayencen. Unter den heutigen Ausstellungsstücken sind auch einige aus der "Aeltesten Volkstedter" Manufaktur im nahen Rudolstadt, in welcher der freche Putto mit dem nackten Po hergestellt wird.
Immerhin 35 Kilometer trennen die heute etwa 35 000 Einwohner zählende ehemalige Residenzstadt derer von Schwarzburg-Rudolstadt von der Stadt der Dichter: eine halsbrecherisch kurvenreiche Berg- und Talfahrt auf der Bundesstraße 85, über der sich starke Buchen stellenweise wie zu einer grünen Röhre zusammenschließen, in der es nach Trabi duftet. Hinter unüberholbaren Lastwagen erhascht der schnelle Blick links oder rechts "Semmeleck", "Mein Frisör", "Zum Fettsüppchen", "Folkfest". Wir sind das Folk? Ein Teilstück ist noch mit Kopfstein gepflastert. Doch wie lange hätte wohl der Geheimrat, "der an einer gedeihlichen Entwicklung der Thüringer Porzellanindustrie regen Anteil nahm", von Weimar nach Rudolstadt gebraucht? Eben. Die Pferde stapften durch knietiefen Schlamm, die Kutsche blieb stecken, unwillige Bauern mußten schieben. Im Radio Thüringen witzelt der Sprecher von "blühenden Landschaften". Gegen damals? Auf jeden Fall.
Den merkwürdigen Namen "Aelteste Volkstedter" trägt der Betrieb, um sich von den übrigen Thüringer Porzellanmanufakturen abzusetzen. In dem in rund zwölf Klein- und Kleinststaaten zerrissenen, waldreichen Thüringen des 18. Jahrhunderts gab es nicht weniger als 14 "Waldfabriquen", in denen nach frühkapitalistischer Manier aus Porzellan nicht nur alles Erdenkliche für den täglichen Gebrauch hergestellt wurde, Gabelknäufe, Geschirr, Rasierbecken, Riechfläschchen, Nadelbüchsen (als Wickelkinder), Pfeifenknöpfe und Nachttöpfe in volkstümlichem Geschmack, sondern auch Edles für den Hof. 1785 verdiente ein Porzellanfacharbeiter monatlich ebensoviel wie eine Potpourrivase kostete (eine reich verzierte Deckelvase zur Aufbewahrung duftender Blumen und Kräuter).
Am Rande des verregneten Städtchens finde ich nach einigem Fragen eine Anhäufung unscheinbarer, zurückgesetzter Gebäude. Durch ein vergittertes Fenster werfe ich einen Blick in einen Lagerraum. Ich werde nicht enttäuscht: Tausende von Liebespaaren! In einem abgewetzten Büro, dessen Staubigkeit in der Nähe der Werkstätten nicht wundert, warte ich auf Udo Dittrich. Die prachtvolle Porzellankutsche auf dem Aktenschrank stelle ich mir um 1800 auf dem Weg nach Rudolstadt vor und freue mich, daß ich schon angekommen bin. Der Geschäftsführer geleitet mich in den Verkaufsraum mit den vollgestellten Schauregalen. In einer Ecke steht der Alte Fritz mit zwei Windspielen, etwa 60 Zentimeter hoch. "Der Alte Fritz geht immer", sagt Herr Dittrich. Er ist ein echter "Porzelliner" und seit 1954 im Betrieb.
Ich sitze zwischen einer Unzahl tanzender, schäkernder, parlierender Rokokodamen mit ihren Kavalieren, ihr französisches Gezwitscher im Ohr, mit leicht sächsischem Akzent. Die Roben sind oft spitzenbesetzt: eine Spezialität des Betriebes; die Spitzengarniererin bestreicht Baumwolltüll mit Porzellanmasse und drapiert ihn zu kunstvollen Kleidern an die Figur. Da! Eine Affenkapelle! Die berühmtere von Meißen, 1750 von Kaendler und Reinicke modelliert, hat ein anderes Format. Plagiat? Damit hat man keine Schwierigkeiten. Das Nachahmen hat im Porzellangeschäft Tradition. Die Kapelle musizierender Schweine ist eine eigene Erfindung. In der Mitte des Raumes Prunkequipagen mit vier Rössern, Gebilde von etwa einem Meter Länge. Kammerkonzerte von ähnlicher Größe. Wer kauft heute solche riesigen Tafelaufsätze, die einst fürstliche Gelage zierten? Exklusive Restaurants der oberen Kategorie. In der Nazizeit gehörten Handgranatenwerfer und Reichsadler zu den "vaterländischen" Motiven. Und im verblichenen Realsozialismus?
"Auch Ernst Thälmann, Wilhelm Piek und Karl Marx wurden verlangt."
"Hat man nicht versucht, die Rokoko-Figürchen dem dekadenten Geschmack des Klassenfeindes zuzuschreiben?"
"Ja, es gab den Versuch, das als Kitsch abzustempeln. Wir sollten die Produktion einstellen. Aber man sah dann davon ab, weil der Verkauf Devisen einbrachte, die der Staat doch dringend benötigte. Ein Funktionär sagte damals, wenn sie eine Fuhre Mist haben wollen, dann liefern wir auch die." In Porzellan.
Die 1762 in Rudolstadt-Volkstedt gegründete Porzellanmanufaktur ist die älteste heute noch produzierende Manufaktur Thüringens. Ihre Gründung geht auf Georg-Heinrich Macheleid zurück, der 1760 die richtige Zusammensetzung der Porzellanmasse "nacherfand", 52 Jahre nach Böttgers streng geheimgehaltener Entdeckung: Porzellanarbeiter, die flohen, wurden Deserteure genannt und auch so behandelt. Die "Aelteste Volkstedter" wurde nach einer wechselvollen Geschichte eine Aktiengesellschaft aus vormals selbständigen Manufakturen.
Noch in den letzten Kriegstagen wurde die Fabrik zerstört, doch der Modellkeller, die Schatzkammer, konnte gerettet werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg schloß man die "Aelteste Volkstedter" mit anderen Manufakturen Thüringens zur VEB Vereinigte Zierporzellanwerke Lichte zusammen, zum größten Hersteller Europas. 1989, nach dem Fall der Mauer, wurde die VEB entflochten und Eigentum der Treuhand, die den Betrieb 1990 an das Unternehmen Seltmann in Weiden/Oberpfalz bei Regensburg, einen Geschirrhersteller, verkaufte.
Nach der Wende mußte die Belegschaft der Aeltesten Volkstedter von 90 auf 22 Mitarbeiter reduziert werden. Vergleichbare Betriebe in der Region haben 15 Mitarbeiter. Man ist dabei, die Belegschaft wieder um zwei Arbeitsplätze aufzustocken. In diesem Jahr wurden vier Lehrlinge ausgebildet, ein Indikator für die Hoffnung auf Fortbestand. Es arbeiten hier überwiegend Frauen. Alle ArbeiterInnen wurden im Hause zu Facharbeitern ausgebildet, etwa zu "Porzellanformern" oder "Porzellanmalern". Einige von ihnen sind 40 Jahre im Betrieb, manchmal in der dritten Generation. Die durchaus virtuose Feinarbeit wird im Leistungslohn verrichtet. Der Betrieb ist nach Angabe ihres Geschäftsführers der einzige der Branche, der die mit der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie vereinbarten Tariflöhne bei REFA-Normalleistung zahlt. Die Leistungsgrade liegen bei 105 Prozent. Doch nicht alle Mitarbeiter arbeiten gern im Akkord. Den Vorsitz im dreiköpfigen Betriebsrat führt eine Frau. Dem "Weißbetrieb" und dem "Buntbetrieb" steht je ein Meister vor.
Das Lustige am Purzelbaum ist die Umkehrung: Der Putto stellt den Kopf, den Erwachsene möglichst weit oben tragen, auf den Boden und den "Bürzel" in die Höh. Und dann wieder umgekehrt. Der Putto "bäumt" sich auf, er kommt auf die Füße, um sich sogleich wieder auf die Hände zu werfen. Mal ist der Kopf unten, mal oben, eine sehr mutwillige Art der Fortbewegung. In seinem schlichten Realismus, der sich von der zierlichen Anmut des Rokoko unterscheidet, scheint mir der Putto (oder die Amorette), dessen Herstellung ich mir ansehen konnte, auf zeitlose Art auszudrücken, was uns vor lauter Sorgen oft fehlt: ungebändigte, überschäumende Lebenslust.
Der kobolzschießende Putto ist einer aus der Gruppe der fünf "Purzel", wie die Porzelliner die Amoretten nennen. Er bildet den Anfang eines Bewegungsablaufs mit den vier anderen: Der Putto nach ihm steht auf dem Kopf, der dritte kommt auf dem Rücken zu liegen, der vierte schaukelt sich wieder auf, und der letzte sitzt, überlegend, ob er das Ganze noch einmal machen soll. Der kobolzschießende gibt das Thema an.
Gustav Oppel (1891-1978), ein Modelleur aus einer Thüringer Porzellinerfamilie, der auch für Rosenthal in Selb tätig war, hat die Gruppe 1936 entworfen, mitten im aufmarschierenden Nazifaschismus ein Stück anarchischer Lebenslust, die im nachhinein fast widerständig anmutet, wäre der Protagonist, der Putto, nicht so harmlos. Die Gruppe der mutwilligen Purzel wurde auch zu Zeiten der DDR gut verkauft.
Der kobolzschießende Purzel besteht aus sieben Einzelteilen, von denen jedes in einer eigenen Arbeitsform gegossen wird. Der Porzellanformer gießt die durchgequirlte Porzellanmasse aus Kaolin, Quarz und Feldspat in die Arbeitsform aus Gips, die aus zwei Hälften besteht und die Form einer ovalen Butterbrotdose hat. Auf Holzgestellen lagern Tausende dieser Formen, da die komplizierteren Figuren und Figurengruppen aus bis zu 300 Einzelteilen zusammengesetzt werden. In unserem Falle aus nur sieben. Da aber der Putto in Serie gefertigt wird, liegen stets mehrere Beinchen, Ärmchen und Flügel nebeneinander, was etwas merkwürdig aussieht. Der Porzellanformer nimmt die Teile aus den Arbeitsformen und setzt sie mit halbflüssiger Schlämmasse zu der Figur des Putto zusammen. Mit dem Bossiergriffel verputzt er die Nähte. Eine Arbeitsform dient für 30 bis 35 Güsse, dann wird sie zerschlagen, weil die Konturen undeutlich werden. Aus der Mutterform, welche dem Modell abgenommen wurde, werden wieder neue Arbeitsformen hergestellt.
Ist der Putto zusammengesetzt - und das geschieht mit der ruhigen Hand des kunstfertigen Handwerkers -, wird er in den Glühbrand von 900 Grad gesteckt. Sodann werden die Unterfarben des Gesichts, der Flügel und der Haare angelegt, was bei dem weißen Putto entfällt. Die Porzellanmalerei hat eine eigene Abteilung. Es sind zumeist Frauen, die, den Arm zur Sicherheit auf ein Brett abgestützt, mit dünnen Pinseln die feine Malerei besorgen. Die Arbeit - jede der ausgebildeten Porzellanmalerinnen malt ihr Stück von Anfang bis Ende - geht auf die Augen. Glasiert wird in einem anderen Raum mit der Spritzpistole. Dabei besteht die Gefahr, daß Feinheiten verlorengehen.
Es folgt der Schmelzbrand von 800 Grad, bei welchem die Glasur mit der Farbe verschmilzt. Sodann werden die Fleischfarbe angelegt, also trockener Farbstaub aufgetragen, und die Haare gestrichelt. Der Körper hat einen Hauch von Rosa: Das Wort "Porzellan", angeblich von Marco Polo geprägt, stammt ursprünglich aus italienisch "porcella" (kleines weibliches Schwein), was im übertragenen Sinne auch die weibliche Scham bezeichnete. "Porcellana" hieß eigentlich die Kaurimuschel. Die pulverförmigen Aufglasur-Schmelzfarben auf Metalloxydbasis werden mit Terpentinöl angerührt. Der Glattbrand, aus dem der fertige Putto hervorgeht, hat 1360 Grad. Die großen Elektroöfen stehen im Keller des hufeisenförmigen Gebäudes, nicht weit von den Trommeln, in denen die Glasur gemischt wird. Im Keller befindet sich auch die Schatzkammer des Betriebs: Hier lagern numeriert die Mutterformen, die es ermöglichen, alte Modelle immer wieder zum Leben zu erwecken.
Tradition beeindruckt in der heutigen Zeit, da auch große Firmen oft kaum Jahre bestehen. Auch Ansässigkeit beeindruckt, wo doch der Wechsel des Standortes zum Credo der Konzerne gehört, die nach dem Prinzip des shareholder value arbeiten. Voraussetzung dafür, daß ein und derselbe Gegenstand an ein und demselben Ort hergestellt werden kann, ist etwas, das allen spätmodernen Ökonomen die Haare zu Berge stehen läßt: die Nicht-Flexibilität der Arbeitskraft. Geschäftsführer Dittrich, selbst gelernter Porzellanmaler, läßt keinerlei Chef-Gebaren erkennen, als wir mit Meister Heidel und zwei weiteren Kollegen darüber sprechen, daß der thüringische Porzelliner nicht wie der Fernsehtechniker tendenziell überall Arbeit finden könnte. "Arbeit haben wir nur in der Porzellanmanufaktur, und die ist hier. Das hat Vorteile und Nachteile."
Auf der anderen Seite ist der Betrieb auf die wenigen virtuosen Kunsthandwerker angewiesen, die durch keine Maschine je ersetzbar sind. Diese wechselseitige Abhängigkeit hat durchaus etwas Familiäres. Man spricht ruhig und selbstbewußt miteinander. Die Unersetzlichkeit mag ein Grund dafür sein und auch, daß man einander seit Jahrzehnten kennt. Der zumeist unpassende Schlachtruf der Unternehmer "Wir sitzen alle in einem Boot", hier trifft er zu.
In der Manufaktur komplizierter Zierporzellane kann die Produktivität nicht durch Maschinisierung erhöht werden wie üblich. In Rudolstadt gibt es nur den großen Quirl für die Porzellanmasse, die Trommeln zum Mischen der Glasur, Schleifgeräte und die Brennöfen. Während Massenprodukte für den anonymen Markt hergestellt werden, wird hier auf Bestellung gearbeitet. Sorgsam, präzise, bedächtig. Obwohl nach Stückzahl entlohnt wird: Was zählt, ist allein Qualität. Arbeitshetze ist in dieser bescheidenen Nische kapitalistischen Wirtschaftens gar nicht möglich.
Die "Jahresendflügelwesen", wie die Engel im antiklerikal-präzisen Amtsdeutsch der ehemaligen DDR hießen, umschweben weit vor Jahresende die heilige Handlung des großen Einkaufs, und das seit einiger Zeit in immer größeren Schwärmen. Daß derart anstatt der Himmelfahrt Mariä der Kommerz gefeiert wird, wen wundert's. Engel, traditionell Vermittler, Dienstgeister und Dekoration, führen in die heiligen Hallen der Warenhäuser, die schon bei ihrem Aufkommen im 19. Jahrhundert "Paradiese" genannt wurden. Eine hochgehimmelte, aber durchschaubar sehr irdische Sache. Wer die verkaufsstrategisch genährten Illusionen in seinem Kopf nicht haben will, mag die Kommerzflügelwesen fliegen lassen und auf der Erde bleiben, bei den herumtollenden nackten Putti, die mit ihrer anmutigen Verspieltheit das Fest der Liebe verkünden, das andere.