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Little Big City (18): Portiers, Doormen, Swiss

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Published in: Frankfurter Rundschau


 
Alle Tore des Hotels

Portiers? Gewiss, auch die gibt’s in Little Big City. Der Portier ist ein Grenzer zwischen innen und außen, verwandt mit der oder dem berühmten Pariser Concierge, die oder der sich vom Gefängniswärter, Wachtposten, Pförtner am Fabrikeingang, Türsteher vor der Disco und dem Hotelportier dadurch unterscheidet, dass sie dort, wo sie aufpasst, auch wohnt.
Die Concierge ist ursprünglich eine Einrichtung der großen Hôtels gewesen, der Pariser Adelspaläste, wo sie in einer kleinen Wohnung neben der Hofeinfahrt hauste. Die Funktion einer Aufsicht und eines Schlüsselverwalters wurde dann auch für die Mietshäuser eingerichtet. Es war unter anderem ihre Aufgabe, die Moral zu hüten und darauf zu achten, dass keine leichten Mädchen die Treppe hinauf kletterten. Die Concierge wusste alles, und es war ratsam, sich mit ihr gut zu stellen und mit ihrer Katze auch. Wehe, man vergaß sie zu grüßen.
Außerdem war es ihre Aufgabe, Hausierer, Bettler und Diebe abzuhalten. Die Hauseingänge waren sonst ungeschützt, und es war nicht unüblich, dort seine Notdurft zu verrichten. Die Concierge war eine Kreatur des Mietherrn, der immer Gründe suchte, um einen unliebsamen Mieter los zu werden. Mieterschutz wie heute gab es nicht. Die ersten Klingeln waren Glöckchen, die über komplizierte, durchs ganze Haus führende Drahtzüge bedient wurden.
Heute hat man die Concierge durch die Kombination von elektrischen Klingeln und Gegensprechanlage abgelöst. Der Portier war nur in der Großstadt notwendig, denn in der Kleinstadt kennt jeder jeden.
In Little Big City hat der Beruf des Portiers überlebt: Der muskulöse Türsteher vor der Disco ist ein Nachfahre des sogenannten Schweizers: "Türsteher und Schweizer sind in Frankreich Synonyme geworden. Die Schweizer genießen das Vorrecht, die Tore der öffentlichen Gebäude, königlichen Gärten und die Kirchenschiffe zu hüten und zum festen Bestand der Herrenhäuser der Hauptstadt zu gehören. Zwei von ihnen genügen, um das breiteste Tor zu sperren, und man braucht keine Gitter mehr. Sie prüfen und sammeln die Einlasskarten und sind abwechselnd umgänglich oder ablehnend, je nach dem Gewand, das vor ihnen auftaucht." Das schreibt Mercier 1781, als habe er 2003 persönlich vor einer Disco gestanden.
Heute sieht man die Schweizer nur noch am Eingang zum Vatikan ihre Hellebarden kreuzen. Warum Schweizer? Sie galten als kräftig, genügsam, ein bisschen dumm und hundetreu, vor allem aber beherrschten sie die Landessprache nicht, so dass man sie am Tor zu nichts überreden konnte.
Portiers – Symbolfiguren für den verwehrten Zugang – gibt es auch in der großen Literatur. In Kafkas Erzählung Vor dem Gesetz sagt der Türhüter: "Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen." Und im Amerika-Roman sagt der Oberportier: "Mir unterstehen alle Tore des Hotels, also dieses Haupttor, die drei Mittel- und die zehn Nebentore, von den unzähligen Türchen und türlosen Ausgängen gar nicht zu reden."
In der amerikanischen Realität stehen schwer bewaffnete Wachtposten am Eingang der Wohnanlagen für die Reichen. Und in sowjetischen Hotels saßen vierschrötige Aufpasserinnen auf jeder Etage, die alle Vorkommnisse nach oben meldeten.
In Little Big City gibt es in den neuen Boardinghäusern von der Art des Main Plaza eine Rezeption wie in einem Hotel. Der höfliche junge Mann am Empfang – die elegante Version des Portiers – ist Hotelfachmann und spricht fließend Englisch. Er vermittelt jeden Service.
Die Voraussetzung zur Errichtung derartiger möblierter oder unmöblierter Appartements ist die Existenz einer Spezies von Mietern, die für eine gewisse Privatheit bis zu 5000 Euro bezahlen, um vorübergehend in einer an alle wichtigen Kapitalkreisläufe angeschlossenen Großstadt wie Little Big City zu leben. Hier wohnen die Berufsnomaden, anspruchsvolle Menschen, die auch mal nachts zum Diktat rufen oder vormittags Champagner ordern. Um ihnen zu Diensten zu sein, sie zu behüten und abzuschirmen, bedarf es der Fähigkeit, zwischen Befugten und Unbefugten zu unterscheiden.
Hat der Portier einen Waffenschein? Der Hotelfachmann lächelt reserviert. "Wir haben einen Security Manager." Aha, der hat ihn. Einer hat ihn jedenfalls immer in dieser Stadt.

Frankfurter Rundschau v. 11.07.2003, S. 13